Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969899--6590-2975936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
100 Antisemiten nennen den Juden den „unversöhnlichen Feind Gottes", dagegen ' nimmt Leroy die Juden in Schutz, die er auf seinen Reisen glaubt genau kennen gelernt zu haben- Aber das moderne Denken ist überhaupt derart komplex, daß es seine Quellen, seine Vorstellungen und Erkenntnis nicht ans einer Lehre, einem Kreise holt. Es ist nicht wahr, behauptet Leroy, daß die Juden zerstör^id, zersetzend an der französichen Gesellschaft arbeiten; er zitiert dafür Zeugnisse, beruft sich auf die große Zahl jüdischer und protestantischer Mitglieder in der lägu« contre athöisme, auf den Enthusiasmus, mit welchem Luigi Luzzati, Italiens hervorragendster Finanzpolitiker und Staatsmann, für die Gottesidee streitet. Er geht dann zu den Racenpolitikern über, widerlegt die Anschauungen solcher aus der Vergangenheit wie aus der Gegenwart. Den gelben Fleck, die gelbe Mütze mußten die Juden tragen, weil, wie die Verordnungen sagen, es in sehr vielen Fällen unmöglich war, sie zu erkennen und dies zu höchst unliebsamen, ja traurigen Verwechslungen führte; das ist der Fluch des Antisemitismus, daß er in letzter Linie zur Ausnahiuegesetzgebung führen muß, diese könnte wiederum nur religiöse Motive zur Grundlage haben — und davor schaudert der Christ und der Franzose zurück. Man kann von arischen und semitischen Sprachen reden, nicht von Raren; für die unausgesetzte Veränderung der letzteren bietet die Wissenschaft Beispiele in großer Zahl. Und wie putzt sich der sogenannte Arier heraus als ein nobles, tugendhaftes, ideales Wesen! Wie kann ein Christ das Blut Israels für ein unreines erklären, und doch ist aus diesem Blute der Gründer des Christentums, seine Mutter, seine Schüler, die Apostel, die der Welt die Heilslehre gebracht» entsprossen! So kommt mau zu dem Resultate, der Antisemitismus steht im Gegensätze zur Geschichte und zu den Traditionen des Christentums, wie zu dem Geiste des Evangeliums. An einzelnen Beispielen zeigt Leroy, daß die Juden ihre staatsbürgerliche Freiheit mit der Hingebung an das Vaterland gelohnt haben. Daniel Munin, der Venedigs Befreier genannt wird, Disraeli, Luzzati werden besonders hervorgehoben. Der Patriotismus der ungarischen und amerikanischen Juden ist eine Widerlegung der Anklage, daß sie ein Fremdkörper in jenem Lande seien. Eine parasitäre Race? Sie lebt nur auf Kosten des andern — lautet eine Anklage. Dasselbe sagt man von den nichtsemitischen armenischen Christen, dasselbe sagen die Sozialisten von den Bourgeois, die nicht von ihrer Hände Arbeit leben. Man müßte in jedem Lande, in jeder Stadt Erhebungen anstellen, und man würde sehen, wie verschieden die Resultate sind. Wären nicht den Juden alle Hündwerke und der Grundbesitz durch Jahrhunderte versagt, sie hätten nicht den Handel ausschließlich betrieben. In Frankreich, lehrt die Statistik, ist die Zahl der jüdischen Bankhäuser eine sehr geringe, weitaus größer die der protestantischen. In England und Amerika hat man vergleichende Tabellen angelegt und man hat gefunden, daß iu England von den zwanzig größten Veruiögen nur eins bis zwei auf Juden