Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 sieht man Abkömmlinge der längst Verjagten, Zurückgekehrte oder Ausländer, die sich in Frankreich seßhaft gemacht, Holländer, Engländer, Deutsche, keine racenreinen Franzosen! Schon hört man den Widerruf des Edicts von Nantes, die Dragonaden preisen, denn eine Intoleranz erzeugt die andere. Wie in einer Parenthese ist der Nationalismus untergebracht. Er ist aus Schwärmerei und patriotischer Beklemmung entstanden, aber Name und Begriff sind falsch; das klingt schön und bestechend. Aber ist Frankreich etwa unter Fremdherrschaft? Ist es ein Irland? Ein Polen? Ist es erlaubt unter dem Vorwände einer nationalen Einheit das Vaterland entzweizuschneiden und geborene Franzosen willkürlich auszuscheiden und Monopol-Franzosen zu schaffen? Nationalistische „wahre" Franzosen von den Pseudo-Franzosen zu trennen? Eine Nation ist keine Kirche, sie hat nicht das Recht der Exkommunikation ihrer Glieder. Wenn der Jude, der Protestant Fremde, sie und der Ultramontane (Römling) international und nicht Franzosen sind, wer ist denn noch ein Franzose? Die Seele der Franzosen wird germanisiert, der französische Geist. wird denaturiert, judaisiert oder romanisiert! — so lauten die Schlagworte. Bei solcher Exklusivität bleibt nichts übrig, als zum Druidismus zurückznkehren und gar zur Barbarei und zum Fetischismus der Höhlenbewohner. Der sektische Geist und die leichtgläubige Unwissenheit kommen jedem Schlagworte gleich empfänglich entgegen. Gesetze der Proskription werden verlangt. Der Antisemitismus ist der Typus einer Lehre des Hasses. Man greift die Sittenlehre der Juden an, sie sei veine doppelte, eine gegenüber den Glaubensgenossen, die andere gegenüber den Christen. Unter dem Nächsten sei nur der Jude verstanden, wenn das Gebot den Nächsten zu lieben befiehlt. Leroy widerlegt dies aus den Worten der Bibel, die sich auf den Fremden beziehen, und fügt dann noch einen Hinweis auf die brutale Sprache der Antisemiten hinzu, denen er das Recht abspricht, sich auf das Christentum, das Evangelium und die Menschenliebe des Heilands u»d der Apostel zu berufeu. Dem Genius Frankreichs sei der jüdische Geist fremd? Nun, zwölf bis fünfzehn Jahrhunderte der Bedrückung und grausamsten Verfolgung lassen Spuren im Denken und Fühlen zurück, sie können nicht mit einem Male verschwinden, in der kurzen Zeit der Emanzipation. Trotz Spinoza und Mendelssohn» hatten die Juden nicht die Kraft, ihre Fesseln zu lösen. Nicht der Jude hat den christlichen Gedanken gelenkt, es war der christliche, moderne Gedanke, der den Juden, emanzipiert hat. Spinoza, Heine, Lassalle, Marx — sind „entjudete" Männer; der zuerst Genannte ist mit dem großen Banne der Amsterdamer Synagoge belegt worden; wie kann man von seinem esprit juif sprechen? Diesen esprit juif anklagen, heißt die eigene Schule verleugnen, in denen die modernen Juden gebildet worden. Dort sind ebenfalls Nihilisten, Anarchisten im Keime zu suchen. Kurz gesagt, der Jude ist unser Schüler gewesen, nicht unser Lehrer. Nicht wir sind verjudet, eher ist er entjudet.