Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 ober Klerikaler abwechselnd zu gelten. Er meint, seine „Pflicht als Franzose und Christ" erfüllt zu haben. Sein Ziel spricht er deutlich aus: die Lehren des Hasses zu bekämpfen, die Frankreich zerfleischen, Vorurteile und Leidenschaften abzuschwächen, welche die Franzosen blind machen, die Klassen und Parteien einander näher zu bringen, um die Einheit, „die Voraussetzung aller Macht und Größe Frankreichs", zu retten. In seiner mit Wärme geschriebenen Einleitung führt er die Erscheinung des traurigen Zustandes auf den Ursprung zurück. Die Lehren des Hasses, diese drei verwandten sozialen Systeme sind von der Affaire Dreyfuß datierend; an ihr entzündeten sich alle Leidenschaften, lebten längst überwundene Vorurteile wieder auf; seit jener Zeit ist Frankreich in einer Krise, die noch immer nicht überwunden ist, die Parteien verbitterten sich immer mehr und mehr, Antisemiten und Nationalisten, ihnen gegenüber Anti-Klerikale und Sozialisten, man tobt gegen die „panamistische und freimaurerische Republik", deren Anhänger gegen die Jesuiten und ihre Freunde in der Armee. Racenhaß, Klassenhaß. Religionshaß, Parteihaß herrschen überall; seit den Tagen der Revolution stand der Geist der Freiheit und der Duldsamkeit nicht so tief wie jetzt. Und die Waffen der Kämpfer sind Beschimpfung und Verleumdung. Als die betrübendste Erscheinung bezeichnet der Autor die Verbreitung des Antisemitismus; es hat ihm offenbar eine Genugthuung bereitet, die deutsche Herkunft dieser traurigsten Volkskrankheit zu konstatieren. — In Frankreich ist er eine Macht geworden, und wie jede Macht findet er seine Höflinge. Man hat dem gemeiiien Judenhaß ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt, einer von Renan aufgestellten, von ihm selbst in seiner Reife ganz aufgegebenen Racentheorie folgend, hat man die „Judenhetze cin moyen age" wieder aufleben lassen. „Ein Gespenst vom Friedhofe der Geschichte." Und Frankreich lebt wie in den Tagen der Schreckensherrschaft oder der heiligen Liga. Dem Neid und der Habgier, dem Haß gegen den Reichtum verdankt den Antisemitismus seine Volkstümlichkeit und Verbreitung. Er herrscht auch in den Salons, er ist der Sozialismus des Salons, des Clubs, der Krautjunker, aller derjenigen, deren Rente kleiner ist als ihre Ansprüche. Wir erinnern uns, in Oesterreich den Antisemitismus kurz und schlagend den „Sozialismus des dummen Kerls" nennen gehört zu haben. Leroy nennt ihn den feindlichen Bruder des Sozialismus, aber immerhin den Bruder. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß, wenn man an die „Revision der Vermögen" schreiten würde, man sich auf die jüdischen Banken beschränken würde, vor den Palästen eine heilige Jungfrau oder, ein Kreuzesbild Schutz bieten könnte. Vergeblich sagen die Antisemiten, sie griffen nicht die Religion, nur die Race an. Sind es Neger, die man an der Hautfarbe erkennen will? Den Juden den Krieg erklären, heißt die Synagoge angreifen, denn er ist nur Jude durch die Religion. Merkwürdig, schon hat sich als Konsequenz des Antisemitismus auch der Haß gegen den Protestantismus gemeldet. Die Nationaleinheit verlangt die Glaubenseinheit; in den Protestanten