Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Ja, der portugiesische Jude Luis de Torres, ein Gefährte des Christoph Kolumbus, hat überhaupt die moderne Tabaksindustrie erfunden. Juden haben den Kaffee in England eingeführt, er war im 18. Jahrhundert in Egypten unter dem Namen „Judentrank" bekannt. Portugiesische Juden pflanzten 1548 zuerst das Zuckerrohr in Brasilien, und Wiener Juden haben den Kandiazucker nach dem Westen gebracht. Tuchfabrikanten waren die Juden in Spanien, England, und bis 1316, wo auf Andrängen der Zünfte diese Industrie ihnen verboten wurde, in Oesterreich. Ein Prager Jude, Joachim Gans, macht die Engländer unter Elisabeth mit der Kupferindustrie bekannt. Wiener Juden haben in Ungarn und an der Militärgrenze mit glänzendem Erfolge mit der Seidenkultur begonnen. Ein Leipziger Meßbericht von 1841 rühmt die österreichischen Lieferanten, daß sie „mehr als unsere Banquiers augenscheinlich eine wahre Stütze der sächsischen Tuch- und Wollzeugfabrikanten sind". Das war im Jahre 1841! Juden haben gewisse Zweige des Kunsthandwerks geradezu monopolisiert. Sie waren die geschicktesten Silberarbeiter in Lucca und anderen Städten Italiens, in Amsterdam die gesuchtesten Optiker und Diamantschleifer. Holland verdankte ihnen Jahrhunderte lang in ganz Europa das Monopol über die besten optischen Instrumente, ein Gewerbe, welches die vertriebenen Juden aus Spanien und Portugal in ihre neue Heimat mitgebracht hatten. — Der neunte deutsch-isreaelitische Gemeindetag wurde in Kerlin im Vereinshause der Großloge, Wilhelmstraße 118, abgehalten. Aus allen größeren Städten Deutschlands waren Delegirte entsandt worden. Vertreten waren 252 jüdische Gemeinden. Den Vorsitz führte Professor Dr. Lachmann- Berlin. Als wichtigster Punkt der Tagesordnung gelangte nach längerer Debatte folgender modifizierter Antrag des Rabbinerverbandes in Deutschland zur Annahme: 1. Bei Verhandlungen über religiöse Angelegenheiten ist der Rabbiner zuzuziehen. 2. Die Anstellung der Rabbiner soll derart geregelt werden, daß dieselbe nach einem höchstens drei Jahre dauernden Provisorium eine definitive wird. 3. Zur Wahrung der religiösen Angelegenheiten und zur Hebung des Religionsunterrichtes sollen Bezirksrabbinate gebildet werden. — Bezüglich der Errichtung von Bezirksrabbinate» hatten besonders die süddeutschen Delegierten darauf hingewiesen, daß sich diese Einrichtung bei ihnen bestens bewährt habe. Eine Petition der Kultusbeamten, in der die Aufstellung eines Normalvertrages unter besonderer Berücksichtigung der Anstellungs-, Kündigungs- und der Unfallrc. Versicherungsverhältnisse gefordert wird, wurde dem Ausschuß des Bundes zwecks näherer Beratung überwiesen. Die pekuniäre Lage des Bundes betreffend wurde beschlossen, die Bundesgemeinden aufzufordern, ihre Beiträge thunlichst auf 1 Prozent ihres Steueraufkommens zu erhöhen. Zum Schluffe wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, in kürzerer Zeit als vier Jahren und möglichst an wechselnden Orten zu tagen. Nachdem durch Zuruf der bisherige Vorstand wiedergewählt war, wurde Vertagung beschlossen und die Sitzung mit einem Hoch auf den ersten