Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969898--6579-2975924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
92 ist. Ueber Richer sagt er (II 56): „Wir glauben, daß kaum ein Mann in der Paulskirche saß, der von einem größeren Kreise verehrt und geliebt worden wäre, als Gabriel Richer. Bei keinem trat aber auch Bravheit der Gesinnung, uneigennützige Hingebung an die Sache, freundliches Vertrauen in andere, kurz Lauterkeit des Wesens, unzweifelhafter zu Tage. Die sittliche Natur verband sich aber mit scharfem Verstände, umfassendem Blicke und hoher Bildung, und da noch eine Meisterschaft der Sprache und die äußeren Mittel des Redners dazu kamen, so war nicht zu wundern, daß Rießer nicht nur zu den beliebtesten, sondern auch in der That zu den besten Sprechern zählte. Man hörte jeden« Worte an, daß es diesem Manne Ernst war. Die Fülle schlagender und geistreicher Gründe, die verständige Anlage des Ganzen bewies die reife Durchdeukung des Gegenstandes, die Innigkeit der Nahelegung, der Schmerz über die Möglichkeit einer anderen Ansicht, aber die Wärme des Gefühls und das Bedürfnis, andere auch von seiner Ueberzeugung zu durchdringen. Und doch war es nichts weniger als Predigerton, die parlamentarische Färbung und die staatsmännische Haltung ließen hieran gar nicht denken. Die Rede Rießers am 21. März (1849) über den Wercker'schen Antrag auf nninittelbare Wahl des Königs von Preußen zum Deutschen Kaiser war vielleicht das Großartigste, was je in der Reichsversarnmlung gesprochen wurde." — Die Verdienste der Juden um Handel und Industrie besprach kürzlich Dr. W. Grunmald in einem Bortrage. Es ist bisher unbekannt und dennoch wohl erweislich: die Juden sind die Begründer der venetianischen Glasindustrie. Sie waren in Tyrus darin fast allein Meister, und genau mit der Eroberung von Tyrus durch die stolze Dogenstadt in den Kreuzzügen beginnt der Aufschwung jener Industrie in Venedig. Auch als Rheder und Seefahrer sind die Juden bisher noch lange nicht genug gewürdigt: sie waren es nicht nur in Egypten, in der Levante, in Südfrankreich, und ich brauche nicht zu wiederholen, welche Dienste sie als Lootsen und Matrosen den Portugiesen, Holländern und Engländern auf ihren Entdeckungs- und Eroberungszügen geleistet haben. Nein, auch im Norden finden wir sie in früherer Zeit. Karl der Große streift einmal mit feinem Gefolge die normannische Küste, und als hier Schiffe in Sicht kominen, da vermuten seine Leute sogleich, es seien jüdische Seefahrer. Und im siebzehnten Jahrhundert betreiben die Juden in Altona eine so schwunghafte Schifffahrt nach Grönland, daß anerkanntermaßen erst diese jüdische Konkurrenz den Eifer des benachbarten Hamburg gestachelt uud so die Blüte des größte» festländischen Emporimns wesentlich gefördert hat. Juden haben den Tabaksbau in vielen Ländern eingeführt, so in Oesterreich Jsak Edler von Hönigsberg, in Brandenburg geschah es etwa gleichzeitig mit der Aufnahme der jüdischen Exulanten ans Wien durch den großen Kurfürsten. Das königlich preußische Staatsarchiv enthält das den Juden David Nathan »lnd Hartwig Daniel erteilte Privilegium, den Tabaksbau in den brandenburgischen Landen einzuführen. Aehnliches gilt von Württeinberg und Meklenbnrg.