Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 88 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Diese beiden Männer gehören bereits der Zeit an, wo die 'Römer ihre Herrschaft über den Osten ausgebreitet hatten. Cicero, der erste Römer, der seine Stinime über Juden und Judentum erhob, hatte den Posidonius gehört und den Apollonias zum Lehrer gehabt. Wie rasch die finanzielle Macht und der politische Einfluß der Juden Roms gestiegen ist, davon legt eine im Jahre 59 gehaltene Rede Cicero's ein beredtes Zeugnis ab. Cicero beklagt sich über den Einfluß der Juden in den Volksversammlungen und über ihr Zusammenhalten. Dagegen stell; sein Zeitgenosse, der Philosoph Varro, das Judentum als Muster auf. Bon einer ungünstigen Wirkung, welche die Rede Cicero's hätte ausüben können, ist nichts zu merken, vielmehr folgen für die Juden eine Reihe glücklicher Jahre unter Cäsar'S Alleinherrschaft. Die kleine Zahl von Stellen in den Klassikern der augusteischen Zeit, die sich mit Juden und Judentum beschäftigen, weisen nicht im mindesten Geringschätzung oder Haß auf, im Gegenteil bekunden einige ein deutliches Gefühl der Verehrung. Andere geben unbewußt dein Einflüsse Ausdruck, den die jüdische Gedankenwelt bereits anfängt, auf die griechisch-römische Gedankenwelt auszuüben. Von den Dichtern gehören hierher Horaz, Tibull und Ovid. Redner geht dann noch ausführlich auf die Zeit der römischen Weltherrschaft bis zu dem Aufstande JudäaS unter Bespasian und die nachfolgenden Perioden ein und zeigt, wie, hervorgerufen durch die nationale Erhebung der Juden gegen die Macht Roms, der Judenhaß immer mehr Eingang in die Literatur findet. Deutlicher noch als in der Literatur spricht sich der Römerhaß in der beispiellosen Erbitterung aus, die das besiegte Judäa nach der Zerstörung Jerusalems getroffen hat, und Tacitus ist derjenige Schriftsteller, welcher diese allgemeine Stimmung des Hasses in seinen Werken zum Ausdruck brachte. Die unvergleichliche Größe dieses Schriftstellers, seine seltene Begabung ließen vergessen, wie schlecht eS mit seiner Zuverlässigkeit und seinen Quellen bestellt sei. Seine Darstellung hat bis in die Neuzeit hinein von dem Eindrücke des Judentums auf die griechisch-römische Welt falsche Vorstellungen erzeugt. Erst seit den achtziger Jahren haben mehrere, nicht nur jüdische Gelehrte festgestellt, daß auch da, wo es sich nicht um Juden handelt, die Quellenforschung des Tacitus erstaunlich tief steht. Die neueste Kritik hat sogar nachgewiesen, daß Tacitus Stellen des Josephus in seinen Werken benutzt hat, und somit muß die unwahre Darstellung, die er vom Judentume giebt, um so bedauerlicher erscheinen. — Redner wies am Schluffe seiner mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen darauf hin, daß das monotheistische Prinzip des jüdischen Glaubens von hervorragenden Schriftstellern der Griechen und Römer stets respektiert worden ist, und der Judenhaß meistens politische resp. selbstsüchtige Motive hat. V •I