Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-04-01 · Heft 4 (1.4.1902) · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 4 (1.4.1902)
Date
1902-04-01
Page
Seite 85 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969893-2969898--6572-2975917
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 85 ' Hillrl, dessen Sprüche er im Munde führte. Er besaß aber auch die Herzenseinfalt und den tief sittlichen Ernst der Hillel'schen Schule und verband mit diesen Eigenschaften einen persönlichen Zauber und eine Seelenkenntnis, die ihm bei seiner Umgebung eine mehr als menschliche Verehrung verschafften. In Nazareth fand er keinen Boden für seine Thätigkeit. Seine Sittenregeln waren daselbst bekannt, seine Mahnungen und Borwürfe bei der an Herz und Seele gesunden Bevölkerung unberechtigt. Da wandte er sich an die sittlich verderbte, mit sich zerfallene Bevölkerung am Tiberias-See, wie auch an die von der Gesellschaft verachteten Zöllner und Gesetzesübertreter, und seine Milde, seine gewinnende Persönlichkeit errang manchen wunderbaren Erfolg, zumal seine Reden weniger das Gesetz als die in demselben überall zerstreuten Sittenregeln zu ihrem Gegenstand machten, der Gegensatz von Reich und Arm dort mehr hervortrat, die essäische Tugend der Selbstverleugnung, der Güterverachtung und die kommunistischen Ideen den Wünschen der Bevölkerung entsprachen. Und die ihm gezollte Verehrung wuchs, als er nach; effenischem Brauch Krankheiten heilte und dabei in den Ruf eines Wunderthüters kam. Die Bewunderung seiner Jünger riß ihn endlich mit sich fort; Petrus redete ihn an: „Du bist der Messias." Und nachdem sie den Glauben an seine Messiaanität in ihm aufkommen und reifen ließen, war es nur noch ein Schritt, auch den Glauben, daß er der Sohn Gottes sei, in ihm zu wecken... Doch Jesus lebte innerhalb des Judentums, erklärte die Verbindlichkeit aller Gesetze und Vorschriften desselben und wollte überhaupt nur dem jüdischen Volke als Erlöser geschenkt sein. Man ließ ihn denn auch gewähren — und dies selbst, als er sich für einen Sohn Gottes, für die Inkarnation Gottes ausgab und darum an den Grundfesten des Judentums rüttelte und einer Gotteslästerung sich schuldig machte —, so lange er sich auf den Kreis seiner Jünger beschränkte. Als er aber mit diesem Ausspruch und mit seinen kommunistischen Ideen in die Öffentlichkeit trat, sich als König der Juden erklärte und damit gegen den römischen Kaiser auflehnte, wurde er vor KaiphaS geladen und von demselben in Verbindung mit dem römischen Statthalter zum Kreuzestod verurteilt." Ausführlich handelt der Rabbiner I. Hamburger*) über Jesum in folgender Weise: Jesus gehört zu den Messiasen mystischer, chassidisch-essäischer Richtung. Diese predigten die Erlösung von dem Joch der Sünde, der Macht des Bösen, der Herrschaft des Satans durch Werke der Buße und verkündeten den nahen Eintritt de- Gottesreiches, für welches man sich durch eine völlige ethische Wiedergeburt vorzubereiten habe. Er selbst nannte sich nur Menschensohn, von dem späteren Epitheton „Sohn Gottes" im leiblichen Sinne wollte er nichts wissen. Er wurde als Sohn Josefs und der Maria in Nazareth geboren, besaß umfassende Kenntnis des mv: *) Real-Encyclopädie des Judentums, Leipzig 1897. Abt. III, Supplement IV, S. 37, Wi und: Jesus von Nazareth, Geschichtliche objektive Darstellung seines Lebens, Wirkens und Todes. Berlin 1895.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.