Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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82 verderben und sie gewannen hierzu Pontius Pilatus. Der Hohepriester und sein $ Anhang veranlaßten einen Privatmord." Jesu Verhalten vor seinen Richtern wird dann nach dem Neuen Testament geschildert, die Juden aber werden von aller Schuld am Tode Jesu freigesprochen. ',>Ä In ähnlichen Gedankengängen bewegt sich neben anderen auch der bedeutendste Historiker der Juden H. Grätz (Geschichte der Juden. Band 3. Der Abschnitt :'J über Jesus erst in der 2. Auflage. Leipzig 1863, S. 222 ff.). Nachdem er die Angaben der Evangelien über die Abstammung Jesu als unglaubwürdig dargestellt?| und seinen Aufenthalt in Galiläa als wenig förderlich für seine geistige Ausbildung M bezeichnet hat, fährt er fort: „Was ihm indessen an Theorie abging, ersetzte bei Ä ihm das Gemüt. Herzensadel, tief sittlicher Ernst und Lebensheiligkeit muß er in 'M einem hohen Grade besessen haben. Seine Demut und Sanftmust erinnern an Hillel, de» er sich überhaupt zum Muster genommen zu Haben scheint und dessen -U goldenen Spruch: „Was du nicht willst, das man dir thue, thue auch andern nicht" ';j| er zum Ausgangspunkt seiner Lehre machte. Wie Hillel betrachtete Jesus Fried- M fertigfeit und Versöhnlichkeit als die höchste Tugend. Sein ganzes Wesen war ,'>D erfüllt von jener höheren Religiosität, die Gott nicht bloß die Gebetsstnnde, einen ,'m Weihetag, eine länger oder kürzer anhaltende andächtige Stimmung weiht, sondern jeden Schritt im Leben, jede Regung der Seele auf ihn bezieht, ihm alles unter- M wirft und mit kindlicher Hingebung alles ihm anheimstellt. Er war durchdrungen W von jener Nächstenliebe, welche das Judentum auch gegen die Feinde einschärft. Er niag in den leidenden Tugenden das Ideal erreicht haben, welche das Judentum, >W selbst das pharisäische Judentum, aufstellt. Seine ganze GeniütSrichtung, welche W Gewaltthätigkeiten, weltliche Bestrebungen und Parteihader verabscheute, mußte JesuS W zu den Effäern hinziehen, die ein beschauliches Leben führten, denen die Welt und W ihre Eitelkeit fremd waren." — Vieles int Leben Jesu führt dann Grätz ans die ^/a ausschmückende Sage zurück, anderes darauf, daß er sich essäische Lehren angeeignet M habe und auf essäischen Einfluß auch die von ihm gemeldeten Wunder und Dämonen- . - W austreibungen. „Nach dem Tode des Johannes dachte daun Jesus ganz einfach M daS Werk feines Meisters fortzusetzen und verkündete wie er: „Thut Buße, denn Ä das Himmelreich ist nahe," vielleicht ohne daran zu denken, daß er im Himmelreich d. h. in der bevorstehenden Messiaszeit eine hervorragende Rolle spielen werde. . . vjj Wirkung konnte er sich aber nur versprechen, wenn er sich an eine bestimmte Volks- /j| klaffe wandte; denn der jüdische Mittelstand war größtenteils derart von Gott-;,J ergebenheit, Sittlichkeit und Frömmigkeit durchdrungen, daß für ihn die Aufforderung, J die Sünde zu bereuen, keinen Sinn hatte. Den, dachte Jesus mit Recht daran, nicht bessern zu wollen. Aber ebenso wenig wartete er auf eine Verbesserung der )}f Reichen und Vornehmen, der Freunde der Römer und Herodianer, die ihn nur Spott und Hohn behandelt haben ivürden. Er hat sich uiit richtigem Takt nur diejenigen wenden wollen, welche von der jüdischeit Gesellschaft ansgestoßen und i als s