Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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81 (Berlin 1866) den Gedanken unter den Juden heimisch gemacht hat, daß die Römer Jesum aus politischen Rücksichten beseitigt hätten, während die Pharisäer, die edelsten Vertreter des Judentums und das jüdische Volk an seinem Tode unschuldig seien, oder man höchstens von einer Mitschuld der sadducäischen Hohenpriester und ihres Anhangs an dieser That reden dürfe. Auch die nieisten von denen, welche hier in der Folge zu Worte kommen werden» teilen diese Anschauung. Doch nicht bloß notgedrungen, sondern aus freiem Triebe und eingehender lassen sich heute viele in der Judenschaft über Jesum aus, und eine Reihe solcher Stinimen soll nun vernommen werden. Wir ordnen sie nach den Herkunftslände n, damit man erkenne, wie die Sache nicht bloß hier oder da, sondern allgemein die jüdischen Gemüter beschäftigt. Die Bedeutung der gehörten Zeugnisse zu würdigen soll dann zuletzt versucht werden. Deutschland. Interessant ist es zunächst, deutsch-jüdische Geschichtsschreiber zu vernehmen. Wir beginnen mit den Ausführungen des edlen I. M. I o st (Geschichte des Judentums und seiner Sekten. Leipzig 1867. Abt. 1, 399). Nachdem er die Lehre des N. Test, und der Kirche über Jesum abgewiesen hat, fährt er fort: „Jesus war dev tiefschauende Geist, welcher das Wesen seines Berufes sofort erfaßte, nämlich nicht die Gesunden, sondern die Kranken zu heilen und die Sünder zur Buße zu rufen " Er erwähnt dann seine „Milde und Gemütlichkeit, die einfache, durch keinerlei Schulweisheit gestörte Verständlichkeit seines Vortrags, die Ruhe und Einfalt seiner offenen Wirksamkeit und seine etwas freieren Ansichten von der Art der Gesetzgebung." Vorwürfe wegen dieser Ansichten gegen ihn seien unberechtigt, da „er selbst das Gesetz hielt und nur eine allzustrenge Ängstlichkeit hier und da bekämpfte." Den Überzeugungen, die er einpflanzte, drückte er das Siegel der Wahrhaftigkeit auf durch einen fleckenlosen Wandel, durch uneigennützige Menschenliebe, durch Demut und Anspruchslosigkeit und zuletzt auch durch Ergebung in sein trauriges Schicksal, das er sogar mit seiner Sendung eng verbunden erklärte. . . Er sprach sich aber immer deutlicher darüber aus, daß die Sittlichkeit und die Gesetzgebung noch nicht ausreichten» um die Seligkeit zu begründen, daß vielmehr zu dieser eine vollständige Wiedergeburt erfordert werde. Das war ein den Rabbinern damals ganz neuer Begriff, an den sich bald ein Gegensatz knüpfte, welcher das Judentum zu untergraben drohte. Es gesellten sich bald des öfteren Aussprüche Jesu hinzu, er sei als Sohn Gottes erschienen, um die Welt zu erlösen, nicht von äußeren Übeln, sondern von der Finsternis zum Licht, uni die Herrschaft des Bösen zu vernichten und um ohne die Bräuche des Judentums abzuschaffen, die Zwecke des Gesetzes zu erfüllen und dessen Entwicklung abzuschließen. . . Etwas, was ein Einschreiten begründen konnte, lag nun wohl nach der damaligen Lehrfreiheit unter den Juden nicht vor. Aber der große Anhang, den er heim Volke fand, bestimmte die Priester, ihn zu %