Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 80 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Weujüdische Klimmen über Jesum Hhristum. ( Bon Lic. de le Roi, Pastor emer. in Schweidnitz. („Nathanael".) Die Aufnahme der Inden in das allgemeine Völkerleben hat tiefgreifende Veränderungen in ihrem ganzen Denken und allen ihren Anschauungen zur Folge gehabt. So ist denn seitdem auch ihre Stellung zur Person Jesu Christi in steigendem Maße eine andere geworden. Es hat sich hier nach und nach ein Wechsel vollzogen, der große Aufmerksamkeit verdient. Jener tiefe Haß und jene schmachvolle Verunglimpfung der Person Jesu, welche weithin unter den vom Rabbinismus beherrschten Juden der früheren Zeit angetroffen wurden, sind jetzt nicht mehr die Regel, sondern nur noch die Ausnahme. Zwar in großen Massen der Juden des östlichen Europas, Asiens und Afriketz lebt noch der alte Christushaß; aber diese sind eben noch nicht in das allgemeine Kulturleben hineingezogen, sodaß. dies seine Wirkung ans sie noch nicht ausüben konnte. Doch war darüber, daß Moses Schliomski die alte Lästerschrift Jeschua1 ha-nog.ri oder Joseph Panderi in einer Jargonausgabe hat erscheinen lassen, unter andren das angesehene jüdische Blatt Jewish Chronirle sehr empört. Es kommt sogar nur noch selten vor, daß Jesus in so unehrerbietiger Weise erwähnt wird, wie es Rabbiner M. Kayserling zu Pest in seinem 1879 erschienenen Buche: „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" gethan hat. Dieses Buch ist allerdings nicht bloß voller Schmähungen über die jüdischen Frauen des Neuen Testaments, sondern redet auch von „dem jungen schwärmerischen Jesus, dem pharisäischen Juden mit galiläischer Färbung, und dem Mitleid, das jene Frauen mit dem armen, talentvollen jungen Manne empfanden." Sonst aber ist die Sprache, deren man sich bei der Beurteilung Jesu bedient, der Regel nach eine durchaus maßvolle. Das gilt z. B. von dem zweibändigen Buche des franz. Juden I. Salvador: „Jesus Christus und seine Lehre" (Paris 1838, deutsch Dresden 1841), obwohl dieser den Gegnern Jesu im Neuen Testament zu allermeist rechtgiebt und auch das Todesurteil über ihn rechtfertigt; denn er thut dies nicht in gehässiger Weise, sondern in' angemessener Form und nennt immerhin Jesum eine edle Persönlichkeit. Des öfteren aber steht man Jesu abwehrend gegenüber und möchte ihn am liebsten völlig übergehn. David Cassel hat in seinem 533 Seiten starken Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur für Jesum nur 5 Zeilen. Er schreibt: „Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth waren nicht die einzigen, die ihren Freimut mit dem Tode von der Hand der Römer und ihrer Helfershelfer büßen mußten." G. Karpeles begnügt sich in seiner Geschichte der jüdischen Literatur (Berlin 1886, S. 256) sogar nur mit 3 Zeilen: „Nicht um das Gesetz anfzuheben, kam Jesus und nichts als ein Pharisäer wollte er sein, der Hillels Wege ging und gegen alle Werkheiligkeit eiferte." L. Philippson aber ist es besonders gewesen, der in einer viel gelesenen Broschüre: „Haben die Inden wirklich Jesns gekreuzigt?" M