Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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'•nwy>? — 79 — Anstalt wird in der neuen Stiftungsurkunde in Anbetracht der höheren Ziele, die der Schule gesteckt wurden, entsprechend niodifiziert werden) für alle Zeiten auf eine sichere materielle Basis gestellt und sieht einer glänzenden Zukunft entgegen. Ist aber die vor einem Vicrteljahrhundert von Isaak M. Mse begründete progressive theologische Anstalt, trotzdem schier 60 ihrer Schüler auf mehr oder minder fetten Pfründen sitzen und zwar Dank der Aufopferung ihres großen Meisters, der sie gelehrt und gepflegt hatte, sie in ihre Gemeinden einführte und oft noch lange nach ihrer Installierung ihnen Stab und Stütze war, in der Lage, mit der ihr plötzlich erstandenen Rivalin erfolgreich zu kämpfen? Bisher sah die verhältnismäßig reiche Cincinnatier Anstalt auf die ärmere Schwester in New-Iork mit einer Art Mitleid herab; Institutionen haben eben, gleich Individuen, mit der Laune des Schicksals zu rechnen. Das Ideal, das den beiden Begründern des New-Iorker Seminars, Sabato Morais und Alexander Kohut, vorgeschwebt hatte, war die im ehemaligen Paduaner Collegio Rabbinico und dem Breslauer-Seminar verfolgte konservative, religiöse Politik; Isaak M. Wise hatte an Geiger's Berliner freisinnige „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" gedacht. Nun, im vollen Ernste : wäre es nicht endlich einmal Zeit, 150 Jahre nach dem Tode Moses Mendelssohn's das Schreckgespenst „Reform" und Urmütterchen „Orthodoxie" in zwei benachbarten Schränken in dem „Museuni für jüdische Religions- und Kunstdenkmäler" zu ewiger Ruhe zu betten? Das Judentum, (um dessentwillen sich beide Parteien seit mehr als einem Jahrhunderte in den Haaren liegen), als Religion und philosophische Lebensanschauung, ist und kann als abstrakter Begriff nicht in Gefahr sein. Da es der vereinten Arbeit unserer großen Geister in den letzten dreitausend Jahren nicht gelungen ist, die jüdische Idee zur weltbezwingenden Idee zu machen, so ist es wohl eine Vermessenheit von uns Epigonen, wenn wir es unter den gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen in den Kopf setzen wollten, den Ringkampf gerade in unseren Tagen siegreich zu Ende führen wollen. Primum vivere, deinde philosophari. Also das Judentum ist augenblicklich nicht in Lebensgefahr, aber ungefähr acht Millionen Juden sind in Gefahr, physisch, geistig und ökonomisch erdrückt zu werden. Der allmächtige Gott wird es den wütenden Reformern verzeihen, wenn sie um des Gemeindefriedens willen auf die Orgel mit oder ohne christliche Knaben- und Mädchenbegleitung, verzichten, und er wird auch den fanatischen Orthodoxen nicht gram darüber sein, wenn die Fleischbeschauer und die Mikweh-Jnspektorinnen einige Paragraphe des Schulchan-Aruch in liberalem Sinne interpretieren. Aber Gott kann und wird es uns nicht verzeihen, wenn wir ameritaktische und westeuropäische Juden in Frieden, bürgerlicher und politischer Gleichheit und verhältnismäßigem Wohlstände leben, während 8 Millionen Kinder seines Volkes in Rußland, Rumänien, Galizien, Nordafrika und Persien unter der Ruthe des Drängers und unter dein Fluche bitterster Armut und Verkommenheit erliegen. _ (Fortsetzung folgt).