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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-03-01 · Heft 3 (1.3.1902) · p. Seite 69

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 3 (1.3.1902)
Date
1902-03-01
Page
Seite 69 (sequence 21)
Language
German
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69 I baren Volksseuchen des Alkoholismus und der Syphilis aus ihren Reihen gebannt sind, während andererseits eine sorgfältigere Kinderpflege dadurch gewährleistet wird. Die größere Neigung zu den sogenannten „degenerativen" Störungen des Nervensystems leitet Referent einmal aus den Verfolgungen, die das Judenthnm zu erdulden gehabt, her, dann aus der intensiven geistigen Inanspruchnahme, aus dem Stadtleben, zu dem durch die äußeren Umstände die Juden fortgesetzt gezwungen wurden, und aus der Inzucht aller Momente, deren Beseitigung oder Beschränkung der Redner in der heutigen Zeit für möglich und nothwendig hält. — In Srannschweig hielt Herr Dr. med. Arthur Kahn-Donn einen Vortrag über „Das alte und das neue Ghetto". Er schilderte zuerst die Bedeutung des alten Ghettos, wie es entstand und welche furchtbaren Schicksale unserer Vorfahre» sich daselbst abspielten, In geradezu dramatischer Weise schilderte der Redner, wie unter der Wucht der französischen Revolution das Ghetto unterging. Der Ghettobegriff sei aber am Judenthum wie ein Verhängnis hasten geblieben und habe sich i» wenigen Jahrzehnten in Newyork ein neues Ghetto gebildet, das aber durchaus kein aus judenfeindlicher Gesinnung entstandenes sei. Vielmehr sei das N.-I. Ghetto der Zufluchtsort der bedrängten Juden aus allen Weltteilen geworden. Redner schildert dann nach den bisherigen tief ergreifenden Bildern, das soziale Elend des N-A.. Ghetto streifend, mit köstlichem Humor die Gepflogenheiten und Lustbarkeiten des Ghettos. Die Schilderungen der „jüdischen Ghetto-Theater", des „Ghetto-Referent" und des „Freitagmarktes" riefen allgemeine Heiterkeit hervor. Zum Schlüsse wieder ernst werdend, schilderte Herr Dr. Kahn eine Simchas-Thora-Feier. Viele Zuhörer waren bis zu Thränen gerührt, als in poetischen Bildern der Redner ausdrückte, daß Israels höchster Jnbelgesang an seinem größten Freudyitage ein Schrei nach Hülfe und Rettung sei, der durch die ganze Welt gellt. Unter diesem Nothschrei von Millionen Juden in Rußland, Marrokko und Persien sei das jüdische Gewissen »nieder envacht, wozu auch der Antisemitismus in Europa viel beigetragen habe. Die Judenfrage existire, das Ghetto aus Stein und Mörtel sei gefallen, aber ein neues Ghetto spinne sich rings um die Judenheit auf.. Aber auch dieses Nebelgebilde des 20. Jahrhunderts »vürde Israel überstehen, wenn es sein sinaitisches Vermächtniß festhalte. — In der Dezemberversammlung des Vereins für jüdische Geschichte und Ljtteratur Honns sprach Herr Dr. jur. Mar Gohn, ein Sohn des jüngst verstorbenen Rabbiners der Synagogen-Gemeinde, über „Jüdische Rechtsgedanken und ihre Bedeutung". Der Redner ging von der Entwickelung der vergleichenden Rechtsivissenschaft im Allgemeinen aus und schilderte in geistvoller Weise die Bedeutung der jüdischen Rechtsbestimmungen gerade für diesen Rechtszweig, iude»n er einzelne Rechtsmaterien, wie Strafrecht, Völkerrecht» Staatsrecht, Familienrecht, Erbrecht besonders eingehend behandelte. Sehr interessant waren nainentlich die Ausführungen über die Aehnlichkeit alt-jüdischer Rechtsgedanke» »nit solche» des modernen Rechts, sowie über deren historischen Zusammenhang, worauf Redner an

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