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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-03-01 · Heft 3 (1.3.1902) · p. Seite 61

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 3 (1.3.1902)
Date
1902-03-01
Page
Seite 61 (sequence 13)
Language
German
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Jacob zwischen diesen beiden Anschauungen zieht, veranschaulicht: Besser ist eine einzige Stunde der Seeligkeit in der zukünftigen Welt, als alles Leben in dieser Welt: aber besser ist eine einzige Stunde der Rückkehr und guten Thaten in diesem Leben als alle Seeligkeit des zukünftigen Lebens. Lazarus sagt: Niemals steht der Mensch, der einzelne, allein; immer stndet er sich in Gesellschaft mit anderen, mit seinesgleichen. Als sittliches Wesen kann und soll er nicht allein stehen. Was immer die Sittlichkeit von ihm fordert, sie fordert es im Sinne, im Dienste und zum Zwecke der menschlichen Gesellschaft. Die Idee der Sittlichkeit ist in der That die Idee der sittlichen Gesellschaft. Alle Ethik ist innerhalb des Judenthums Sozialethik. Dadurch bestimmt sich auch ein anderes Moment, nämlich daß trotz aller theologischen Einkleidung doch der Mensch selbst in sich das Wesen der Sittlichkeit findet, und zwar in der alles beherrschenden Idee des Guten, die sein ganzes geistiges Dasein erst wahrhaft adelt. Aus alledem folgt, heißt es hier, als die wesentliche Anschauung des Judentums: Die Sittlichkeit ist Grund und Ziel ihrer selbst; sie ist des Menschen und aller geistigen Wesen Beruf. Nicht irgendwelchem Zweck außer ihr selbst soll sie dienen, sondern sie ist sich selbst Zweck und allen anderen Zwecken, die der Mensch erstrebt, gibt sie den Wert und bestimmt sie das Maß. Die sittliche Natur des Menschen ist die Vollendung alles Naturdaseins, und die Krone aller geistigen Thätigkeit ist die Schöpfung der Sittlichkeit; alle geistige Wirksamkeit, alles Forschen und Erkennen, alle Naturbeherrschung, alle Kulturschöpfung und freie Kunstgestaltung münden im Geiste der Sittlichkeit, „alle Ströme gehen ins Meer und das Meer wird nicht voll". Durch die Begründung und die Prinzipien wird selbstverständlich in zweiter Linie auch der Charakter der jüdischen Ethik bestimmt. Dieselbe ist freilich zunächst eine nationale, der Eigenart des jüdischen Volkes angepaßt und aus ihr entsprungen, aber andererseits, wie bereits angedeutet, doch von einer zweiten und umfassenderen Perspektive und Geltung, weil sie eben Gedanken und Ideen ausspricht, die allgemein menschlicher Natur sind. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir an dieser Stelle die Sittlichkeit und unvergleichliche Tiefe der jüdischen Gottesvorstellung genauer erötern, es mag genügen, nur die kurzen Worte unseres Gewährmannes anzuführen, die sich darauf beziehen: Der Erfolg dieser einheitlichen Weltanschauung für eine Veredlung und Vertiefung des ethischen Ideals steht so fest und ist so wertvoll, daß vor dieser mittäglichen Sonnenhöhe des sittlichen Geistes alle Schatten unter den Füßen verschwinden. Am segensreichsten hat sich dieses Streben bewährt in der Erkenntnis von der Einheit Gottes, der Einheit der Welt und der Einheit des Menschengeschlechtes ... So lange die verschiedenen Erscheinungen der Natur, ihre Gebilde und ihre Kräfte als Gottheiten gedacht, Personenhaft getrennt, wie in allen heidnischen Mythen, vorgestellt wurden, so lange gibt es keinen Begriff der Welt, des Universums. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß gerade durch den

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