Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Tempel, für die Einheit des religiösen Kultus bieten soll. Das dritte, welches in dieser Zeit der Stellung des Judenthums auf neue Grundlagen angestrebt wird, ist der Ausbau und die Feststellung des Gesetzes überhaupt und der religiösen und der Ceremonialgesetze im besonderen. Dazu trat nun noch als mächtiger Hebel der Entwicklung das blutige Martyrium, mit welchem nicht wenige Glaubenshelden ihre Überzeugung den römischen Wütherichen gegenüber auf dem Blutgerüst oder dem Scheiterhaufen besiegelten. Suchen wir uns einige besonders wichtige Grundsätze der jüdischen Ethik zu vergegenwärtigen, so weit das in einer flüchtigen Skizze überhaupt möglich ist. Kants rigorose Formel des kategorischen Imperativs, der nur durch eigene sittliche Gesinnung und Reinheit Wert und Bedeutung erhält: Handle so, daß du wollen kannst, daß die Maxime deines Handelns zum Gesetz für alle wird, findet sich ihrem Sinne nach auch bei den Rabbinern wieder, nicht minder wie bei den großen Propheten, die sich durch Tiefe der sittlichen Auffassung auszeichnen. Während alles äußere Thun ohne rechte innere Herzensbeteiligung verurteilt wird, erhält die reine Liebe zum Guten als dem alleinigen Ziel und Zweck jedes sittlichen Handelns die Krone. Dagegen bildet es keinen Einwand, wenn gelegentlich aus pädagogischen Gründen mit Lohn und Strafe gerechnet wird, wie das ja auch noch in unserer heutigen Erziehung geschieht. * Lazarus erklärt: Nicht auf einzelne Ansprüche kommt es an, sondern darauf, daß aus der gesammten Lebensanschauung des rabbinischen Gebietes sich noch der Hauptgedanke ergibt: nicht äußere, sinnliche oder sonst natürliche Erfolge sind der wahrhafte Lohn der guten That, sondern der Lohn einer guten Handlung, weil der notwendige Erfolg derselben eine weitere gute Handlung ist; denn wie die Schuld, die nicht gebüßt, gesühnt oder vergeben ist, fortzeugend Böses muß gebären, so ist auch der wahrhafte, der glückliche und der Würde der Sittlichkeit allein entsprechende Erfolg einer guten That, daß sie in ihrem Urheber oder in anderen wieder Gutes aus mancherlei verschiedenen psychologischen Gründen erzeugt. Als der Gipfelpunkt der Betrachtung über die Belohnung des Guten und die Bestrafung des Bösen sei deshalb der Ausspruch des Ben Asai angeführt: Eine gute Handlung zieht eine andere nach, wie eine Uebertretung die andere; denn der Lohn einer guten That ist eine gute That und der Lohn einer Sünde die Sünde. Im Übrigen ist aber auch hier, wie überall, nicht Erfolg mit Zweck und noch weniger der socialethische Standpunkt mit der individuellen Auffassung zu verwechseln. Jede gute That erzeugt von selbst eine innere Befriedigung und Freude, die aber selbstredend nicht als das eigentliche Ziel des Handelns betrachtet werden darf. Andererseits wird für den einzelnen das Jenseits und damit die Anwartschaft auf eine überirdische Seeligkeit immer eine gewisse Rolle spielen, ohne daß damit der eigentliche Grund und Kern des echt sittlichen Thuns berührt würde, das eben nur in der Lauterkeit und Unverletzlichkeit der Gesinnung bestehen soll. Diese Anschauung wird vortrefflich mit folgendem Vergleich, den Rabbi