Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 selbst schöpft sie ihre Kraft. Zwar wird alle Arbeit und auch diese von den Individuen geleistet; wir besitzen nur Aussprüche von bestimmten Personen; die geistigen Gebilde werden zu gewissen Zeiten und unter gegebenen Umständen geschaffen. Aber alles Zeitliche und Zufällige und Individuelle hat im ganzen Bereiche jüdischer Weisheit und Gedankenschöpfung nur geringen Teil an der Macht und Würde jener schöpferischen Fortbildung, welche dem innersten Triebe des Volksgemütes und seiner ältesten ursprünglichen Offenbarung folgt. Auch >vas der Einzelne vorträgt, ist Erfolg des Gesammtgeistes, der nur im Individuum persönliche Gestalt gewinnt, und nur, was in der Gesammtheit lebt, prägt sich in Worten oder Werken aus, welche Einzelne geschaffen haben. Denn wie verschieden auch bei all den Denkern und Lehrern ihr Charakter und ihre Lebensweise, die Luft, die sie atmen, ist dieselbe, das Blut, das in ihren Adern rinnt, ist das gleiche. Ein Herzschlag pulsiert im Leben aller. Nirgends werden die lchten Grundgedanken, die Gesinnungen, die Prinzipien, die wir nach der strengsten Prüfung in Bibel und Talmud entdecken, von ihnen verleugnet oder bestritten oder auch nur wesentlich verändert . . . Dieser Kontinuität in der ethischen Schöpfungstätigkeit des jüdischen Geistes ist es zu verdanken, daß es möglich ist, ein vollständiges und in sich geschlossenes System der Sittenlehre des Judentums zu entwerfen, obgleich der Inhalt derselben in ihren Quellen — also in Bibe5 und Talmud — niemals in systematischer Form, sondern immer nur in vereinzelten Aussprüchen zur Erscheinung gekommen ist. Es ist nun sehr beachtenswert, daß dieser Aufbau einer einheitlichen, sittlichen Weltanschauung in jener Zeit geschah, die zugleich das sozialpolitische Leben und die Freiheit des jüdischen Volkes rettungslos vernichtete und unter den Trümmern des in Rauch und Flammen ausgehenden Tempels begrub. Drei Forderungen wurden von den jene Bewegung leitenden Männern für diese ethische Wiedergeburt in den Vordergrund gestellt, wie unser Gewährsmann weiter ausführt: das erste ist die Hebung des Geisteslebens überhaupt: Studium, Forschung, Wissen, Weisheit wird aufs höchste gepriesen. An die Stelle aller anderen im Staatsleben gepflegten Kulturbestrebungen tritt die Wissenschaft; sie zieht alle besten Kräfte der Gesammtheit an; sie, die hier fast nirgends der Nützlichkeit dient, sie allein giebt dem Leben eine höhere Weihe und Befriedigung. Die Wissenschaft wird als das Allgemeine, als das ideale Gut der Gesammtheit, durch welches diese geistig geeinigt und belebt ist, betrieben. Das zweite ist dann der Nachdruck, welcher jetzt mehr als zuvor auf das Wohlwollen und die Wohlthätigkeit, auf die Liebe der Menschen zueinander gelegt wird. Die ordnungslosen Zustände, die durch den Verlust der politischen Verfassung und die Unterdrückung der römischen Machthaber herbeigeführt sind, erheischen zu einem gedeihlichen Zusammenleben viel mehr Wohlwollen, Hingebung» Nachsicht, Liebe, als innerhalb des freien und eigenen Staates notwendig gewesen. Ausdrücklich wird die Liebesthätigkeit als das ideale Element bezeichnet, welches Ersatz nicht bloß für die zertrümmerte politische Lebensform, sondern auch für den zerstörten