Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 — Also nicht erst in der letzten Zeit vor dem Falle Jerusalems, sondern schon lange früher war der allgemeine Schulunterricht in Kraft; mit dieser Vorstellung allein läßt sich in Übereinstimmung bringen, was wir von Philo hören: „Da sie ihre Gesetze für wirkliche Offenbarung halten und in frühester Jugend in deren Kenntnis unterrichtet werden." Auch Josephus sagt: „Mehr als um alles bemühen wir uns um die Kindererziehung. Man mag den ersten besten über die Gesetze befragen, er wird sämtliche Bestimmungen leichter hersagen als den eigenen Namen, da wir sie schon bei erwachendem Bewußtsein sozusagen in die Seele eingegraben haben." Das Lehrhaus des Jochanan ben Sakkai, diese hohe Schule, wo die Disputation die Lehrthätigkeit förderte, und welche die Schulen von Schmaja und Abtalion, von Hillel und Schammai fortsetzte, war der Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung. Er verlegte die Schule nach Jabne und dort begann sie ihre geschichtliche Mission auszuüben. Während der Hadrianischen Unruhen kam sie nach anderen Orten und endlich nach Tiberias. Diese Zeit wird als die den Tanaiten und Amoräer bezeichnet. Der Jugendunterricht in den Schulen setzte inzwischen seine stille Thätigkeit ort. Die beiden Stufen der Schule ergaben sich aus dem Lehrziel. Zuerst sollte die Jugend die Bibel lesen und verstehen (Beth Ha-Sefer), dann den stets wachenden Schatz der traditionellen Lehre sich aneignen (Beth Ha-Talmud, später Bethza-Midrasch.) Der Bibelunterricht beginnt zu 5 oder 6 Jahren, die obere Grenze scheint das 13. Jahr gebildet zu haben. Josephus nennt sein 14. Jahr als das des Abschlusses seiner Studien. Christus kam zu 12 Jahren nach Jerusalem, saß unter >en Rabbinern und setzte sie durch seine Fragen und Antworten in Erstaunen. Den Muttem, die ihre Kinder selbst zur Schule brachten, wird dies als hohes Verdienst angerechnet. Psalm 119 bringt in seiner großen Ausdehnung nur die Empfindung für das Gotteswort, die Begeisterung für die Gotteslehre zum Ausdruck. Die größte Sorgfalt wurde auf das Lesen und richtige Betonen der heiligen Texte verwendet, die Bibellehrer haben mit dieser Sorgfalt eine geschichtliche Mission ausgeführt. Wenn der Urtext der Bibel genau festgestellt wurde, so gebührt der Dank jenen anspruchslosen und treuen Bewahrern der heiligen Texte, den Bibellehrern der alten jüdischen Schule. Der Kirchenvater Hieronymus spricht im 4. Jahrhundert mit Erstaunen von der Bibelfestigkeit der Kinder, und die gottesdienstlichen Vorträge zeigen ebenfalls, welch große Vertrautheit mit den biblischen Texten die Prediger bei ihren Zuhörern voraussetzen konnten. Alle Wissenselemente, die sich der jüdischen Wissenschaft anfügten, Phyosophie u. s. w. änderten nichts an der eigenthümlichen Natur dieser Gelehrsamkeit.