Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Als besonderes Kennzeichen der heidnischen Bildung und als Verkörperung ihres Geistes werden von unseren alten Schriftgelehrten Theater und Cirkus genannt. Viele Bibelstellen wurden darauf bezogen. Im Gegensätze dazu sahen sie den eigenen Jdeenkreis in den Worten Synagoge und Lehrhaus ausgedrückt, ersteres als Ort des gemeinsamen Gottesdienstes, letzteres als Stätte des Unterrichtes für die Jugend und des Studiums für die Erwachsenen. Beide bilden eine Eigenart der jüdischen Kultur, beiden fiel die Aufgabe der Rettung und Forterhaltung des Judentums zu. Die weltgeschichtliche Betrachtung lehrt, daß nur durch die Religion und die von ihr unzertrennliche Ethik Israel zum „Lichte der Nationen", znm Lehrer der Menschheit, zum schöpferischen Kulturvolle wurde und daß es dadurch die sittliche Umgestaltung der Menschheit herbeiführte. Die erste kulturelle Schöpfung in dieser Beziehung ist die heilige Schrift, die kein totes Merkmal der Vergangenheit blieb. Denn die zweite Kulturepoche wurzelt in der Erforschung dieses alten Schrifttums und diese Forschung zeitigte Institutionen, durch welche das ganze Volk an der Kultur Anteil erhielt. Diese Institutionen sind Synagoge und Lehrhaus. Die Entwickelung und Kräftigung beider vollzog sich zur Zeit des zweiten Tempels, und sie gingen auch aus dessen Zerstörung unversehrt heraus. Unsere Weisen sagen: „Wo ist Gott zu finden? In den Synagogen und Lehrhäusern." Und: „So oft Israel in den Synagogen und Lehrhäusern versammelt ist, ist Gottes Herrlichkeit dabei." Die von dort ansgehende geistige Erweckung wird als angedelltet angesehen in den Worten des hohen Liedes: „Ich schlafe, aber mein Herz ist wach." Mit dem Ausrufe:' „Wie schön sind deine Zelte, o Jakob." hat Bileam die Synagogen und Lehrhäuser verherrlicht. Das Geschichtswerk, aus dem wir die historische Kunde von den ersten zwei Jahrhunderten nach der babylonischen Gefangenschaft erhalten, das Buch Esra, erzählt von dem ersten öffentlichen Lehrkurs, den Esra selbst, von kundigen Schrift-, gelehrten unterstützt, in Jerusalem abhielt. Der 1. Tischri 445 v. Chr., an dem Esra die Thora dem Volke vorlas und erläuterte, ist der Geburtstag des alten jüdischen Schulivesens, obwohl es im Buche der Chronik heißt, daß schon König Josaphat Lehrer in das Volk hinausschickte. Nach der Tradition soll der Hohepriester Josua ben Gamala den allgemeinen Schulunterricht eingeführt haben. Da aber nicht anzunehmen ist, daß im Volke unmittelbar vor Ausbruch des Verzweiflungskampfes gegen Rom die Stimmung für eine solche Einführung bestand, so dürfte hier eine Namensverwechslung vorliegen und Josua ben Prachja gemeint sein, von dem der Ausspruch herrührt: „Verschaffe dir einen Meister und erwirb dir einen Studiengefährten", und zu dessen Zeit die von den Makkabäern hervorgerufene Begeisterung ihren Höhepunkt erreichte. Nach einer anderen Tradition hat Simon ben Schetach den obligatorischen Schulunterricht eingeführt. Dieser war aber der Nachfolger des Josua ben Prachja.