Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 „Baöer und Wbe0t Den Zusammenhang zwischen diesen Worten legte Herr Professor Dr. D e l i tz s ch in einem so benannten Vortrage dar, zu welchem die „Orientalische Gesellschaft" zu Berlin einen großen erlesenen Hörer-Kreis nach der Singakademie geladen hatte, in deren Königsloge auch der Kaiser mit einigem Gefolge von Prinzen und Herren des Hofes den Ausführungen des Redners folgte. Die Deutung der beiden Worte läßt sich kurz so zusammenfassen: Babel wird uns zum Interpreten und Illustrator der Bibel. Bis von 500 Jahren vor Christus aufwärts war uns früher die Bibel die einzige Quelle der babylonischen und assyrischen Geschichte. Sie bot uns noch eine Fülle von dunklen Stellen und Rätseln. Nun ist — so sagte der Redner — aus dem Osten ein frischer, belebender Wind gekommen, und das ehrwürdige Buch wird in helleres Licht gebracht durch die zahlreichen, in Museen befindlichen Ausgrabungsobjekte in der Thalebene zwischen Euphrat und Tigris, besonders aus den Ruinenstätten von Babylon und Ninive. Es wurde in Projektionsbildern eine lange Reihe von Funden babylonischer und assyrischer Herkunft vorgeführt und erläutert, Steinreliefs, Thontafeln und Ziegeln mit Keilschriften, Herrscherfiguren, Königspaläste, Architekturdarstellungen und Volksfiguren. Wie der Herr Vortragende ausführte, gewinnen durch solche Funde die geschichtlichen Persönlichkeiten Leben; die da gefundenen Zeitangaben lauten klar und bestimmt. Vor Allem werden uns viele Stellen der Bibel illustrirt mit Königsbildern, Soldaten, Kämpfen mit Löwen, militärischen Darstellungen, Scenen aus bem Hofleben, Architekturen und Tierfiguren. Die Ausgrabungen auf babylonischen Boden ermöglichen uns nach den Forschungen der Archäologen einen historischen Rückblick bis in das fünfte Jahrtausend. Um 1050 vor Christus finden wir da schon in Babylon einen entwickelten Rechtsstaat mit vorgeschrittener Kultur vor. Privatbriefe in unerschöpflicher Fülle weisen auf innigen Familienverkehr, Blüte von Handel und Industrie, Ackerbau und Viehzucht hin, und die Höhe, guf der die Wissenschaften, besonders die der Geometrie, Arithmetik und Astronomie, standen, erregt staunende Bewunderung. Zweitausend Jahre hat Babylon seinen Einfluß weithin ausgeübt und auch über Kanaan ausgebreitet. Dadurch wird uns erst manche hebräische Tradition erklärt- So wußte man nicht recht Bescheid über den Ursprung des hebräischen Sabbaths. Jetzt besteht darüber kein Zweifel, daß derselbe in der Kultur am Euphrat und Tigris zu finden sei. Weiter ist eine Reihe von biblischen Erzählungen, welche als hebräische Weisheit angesehen wurden, auf babylonischen Ziegeln gefunden worden. Auf die Sintfluterzählung der Bibel paßt Zug für Zug eine Beschreibung auf der babylonischen Sintfluttafel aus der Zeit 2000 Jahre vor Christus. Diese babylonische Ueberlieferung wanderte nach Kanaan, es wurde da aber vergessen, daß in der babylonischen Katastrophe das Meer die Hauptrolle spielte. Ein enger Zu-