Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1902)
- Date
- 1902-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 wundeten Herzens entsteigt, es schwillt zu einem Donner an, es zerreißt die dunklen Wolken, welche diese Erde umlagern, und dringt bis zum göttlichen Richterthrone empor. Ich erhebe jetzt meine Hand zum Schwure! Ich rufe Gott, den allwissenden Richter, in seiner allgegenwärtigen Majestät und unnennbaren Heiligkeit zum Zeugen der Wahrheit an. Mich durchbeben die Schauer der Ewigkeit. Ich will in den Augen Gottes ein unseliger Sünder sein, ich will in den Augen meiner Mitbürger als ehrlos und infam gebrandmarkt sein, wenn ich etwas verschweige, was ich weiß, oder wenn ich den lautesten Gedanken, die entfernteste Idee, die in dieser Frage in mir irgendwie aufdämmert, unterdrücke oder durch eine reservatio mentalis umgehe. „Ich erhebe meine Hand zum Himmel und schwöre: Das Judentum „und die Juden kennen keinen Ritualmord. Das Judentum und die Juden „enipfinden Grauen und Entsetzen, wie vor den schwersten, gräßlichsten Ver- „brechen, vor den sogenannten Ritualmorden, die man ihnen unterschieben „will. So tief das Meer, so hoch der Himmel, so heilig Gott der Herr „selber ist, so groß, so gewiß, so über jeden Zweifel erhaben ist die Unschuld „Israels in allen Blutanklagen, die man gegen dasselbe erhoben. Israels „Hand ist rein von Blut! Ich bin Rabbiner und Sohn eines Rabbiners, dessen Vorfahren seit vielen Jahrhunderten Rabbiner und Meister in Israel waren. Die Lehren, Vorschriften und Gebräuche des Judentums sind mir genau bekannt. Ich bin in denselben erzogen worden. Ich selbst habe jahrzentelang mit jüdischer Religionsphilosophie, mit jüdischer Geschichte nnd dem jüdischen Religionsgesetz mich beschäftigt. Ich übersehe darum mit untrüglicher Klarheit, wie thöricht, wie widersinnig, wie ungeheuerlich es ist, Judentum und Juden mit dem Begriffe eines Ritualmordes auch nur im entferntesten in Zusammenhang zu bringen. Man spricht etivas Unmögliches aus. Es ist so. als ob man ein schwaches, zartes Kind verdächtige» wollte, einen Mühlstein gestohlen zu haben. Vergebens weint das Kind und sucht sich seiner Feinde mit den Worten zu erwehren: „Eure Anklage widerspricht doch meiner ganzen Natur. Ich kann den Mühlstein doch nicht vom Platze rücken!" Aber der brutale, verstockte Ankläger bleibt bei seiner blödsinnigen Behauptung: „Du hast den Mühlstein gestohlen." So ergeht es Israel. Vergebens ist mit stahlharten, unwiderleglichen Beweisen dargethan worden, daß die Blutbeschuldigung der innersten Natur des Judentums widerstreitet. Vergebens ist unzähligem«! mit flammender Zunge und mit sich auflösender Begeisterung — daß es den Stein rühren und überzeugen könnte — auseinandergesetzt worden, daß Judentum und Ritualmord zwei absolute Gegensätze sind, die sich hassen und abstoße», die sich meiden und fliehen. Vergebens! Die Blutanklage gleicht dem alten Ungetüm der Hydra! Wird ihr ein scheußlicher Kopf zu Boden geschmettert,