Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 36 — genossen, weil wir das Geld nicht haben, solche anzustellen, das heißt, die Gemeinden haben kein Geld für diesen Zweck, und es würde als eine Tollheit gelten, wenn jemand einem Reichen oder einem Armen zumuten würde, zu einer solchen Stiftung beizutragen. Die Christen schicken Missionare aus, wir brauchen das nichts was geht mich der Moses von Hundsberg an, der soll für sich selbst sorgen. Der Fortbestand des Judentums macht uns wenig Sorge, das überlassen wir dem Allmächtigen. Dasselbe ist der Fall mit der Erhaltung und Verbreitung der Wissenschaft des Judentums. Wir unterhalten Sabbatschulen in den größern Gemeinden, die sollen den Religionsunterricht erteilen — was da gelehrt wird, es wird nicht sehr viel sein, darauf wollen wir nicht eingehen — aber außerhalb dieser Gemeinde gibt es auch das nicht; es fehlt überall an Lehrern und womöglich noch mehr an Schulbüchern, nnd die Sabbathschul-Union kann weder für das eine noch für das andere sorgen, weil sie von den Gemeinden abhängig, die selbst ihre lokalen Zwecke kaum genug auftreiben können. An allen Hochschulen des Landes, wo die jüdische Jugend ihre Bildung genießt, gibt es keinen einzigen jüdischen Lehrer, der das Judentum lehrt. In allen sogenannten „Ioung Men's Hebrew Associations," die im Laufe der Jahre entstanden und vergangen sind oder noch bestehen, sowie in allen sogen, literarischen oder geselligen Vereinen war das Judentum gewaltig Nebensache oder gar nicht existenzberechtigt. Eine Bibliothek für die Wissenschaft des Judentums gibt es außer des Kollege eben gar nicht, und im Kollege sind die Bücher nur für die Lehrer und Schüler desselben vorhanden. Das Kollege, das ohne Zweifel die vorzüglichste Anstalt zur Erhaltung und Verbreitung des Judentums ist, nagt seit fünfundzwanzig Jahren am Hungertuch, fristet sein Dasein mit den Ze^rpfennigen des Mittelstandes und armer Leute. Die Gemeinden der Union zahlen nur den dritten Teil der Kosten, und die Reichen haben, seit der selige Henry Adler mit zehntausend Dollars die Anstalt ins Leben gerufen hat, sich um das Kollege so gut wie gar nicht bekümmert. Dazu kommt noch das traurige Geheimnis, daß zwei Drittel aller freiwilligen dem Kollege zufließenden Gaben von persönlichen Freunden des greisen nun verstorbenen Präsidenten herstammen, sowie beinahe nur solche Gemeinden zur Union gehören, mit denen derselbe in persönlicher freundschaftlicher Beziehung stand. Das sieht sehr bedenklich aus. Schließen wir hier unsere Klageschrift und bringen wir dieselbe vor den Richterstuhl des Publikums, das möge entscheiden, ob nicht mehr den alles die Religionsgemeinde, das Judentum selbst unter uns vernachläßigt und hintenangesetzt wird. Ist dem aber so, dann ist es an der Zeit für jeden Gläubigen, jeden Treuen in Israel, die Auferstehungstrompete mächtig erschallen zu lassen, das Volk von seinen Irrwegen zurückzurufen und zur That zu erwecken, den Verfall, der dem Judentum bevorsteht, zu verhindern.