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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-02-01 · Heft 2 (1.2.1902) · p. Seite 35

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 2 (1.2.1902)
Date
1902-02-01
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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der Antrag des Vorstandes, weil 2 Stimmen der Majorität fehlten. Die Debatten waren sehr eingehend und gründlich. Die triftigsten Gründe wurden für die Einführung von kompetenter Seite angeführt. Es wurde hingewiesen auf die historische Entwicklung der Orgelfrage. Im Jahre 1818 wurde die Frage durch ven sogenannten Hamburger Tempelstreit aktuell und hat seit jenen Tagen in zahlreichen Gemeinden des In- und Auslandes ihre völlige Lösung gefunden. Nach den statistischen Angaben des Jahrbuches des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes ist die Orgel in über 120 deutschen Gemeinden eingeführt. Man sprach die Ansicht aus, daß binnen einigen Jahrzehnten man von orthodoxer Seite gar keinen Widerspruch gegen die Orgel mehr erheben werde. Das vatikanische Tolerari posse spielt auch in orthodoxen Kreisen eine wichtige Rolle. Als Mendelsohn seine deutsche Bibelübersetzung herausgab, wurde sie von der Orthodoxie in den Bann gethan; als die deutsche Predigt eingeführt und die Jargonderascha abgeschafft wurde, schrie man, das sei „Chukkaus Hagoi“; als die Rabbiner Talar und Beffchen anlegten, schrie man wiederum, das sei unjüdisch; als man den Chorgesang zur Hebung des Gottesdienstes verwandte, da hieß es, das sei etwas Neues; als man neben dem hebräischen auch ein deutsches Gebet vortrug, schrie man Zeter über die kühne Reform, — und sieht man sich heute in orthodoxen Synagogen um, wie man sich mit allem befreundet hat, wie man in der deutschen Muttersprache lehrt und predigt, ja, in der Predigt oft mehr auf die schöne Phrase als auf den gediegenen jüdischen Kern Wert legt, wie die Herren orthodoxen Rabbiner fein und nett im Talar und Beffchen im stolzen Bewußtsein ihrer hohen, geistlichen Würde einherschreiten, wie man allenthalben „tolerant" wird, weil man doch einsieht, daß die Träger und Förderer aller Gemeinde-Institutionen in der Regel int liberalen Lager zu suchen sind und selbst die orthodoxen Anstalten zum Teile bei den Liberalen ihre materielle Stütze finden, dann wird man die Überzeugung gewinnen, daß auch die Orgel, die schon längst nicht mehr das Schiboleth zwischen Orthodoxie und Reform ist, für erster« ihre Bedeutung verlieren wird, vernimmt man doch schon heute Stimmen, die da meinen, gerade in Orgelgemeinden müsse die religiöse Leitung orthodox sein, damit man nicht weiter in der Reform gehe. Es wurde besonders von einem Mitglieddes Vorstandes in vortrefflicher Rede angeführt, daß infolge einer Anfrage bei sämmtlichen Steuerzahlern der Gemeinde 1300 für die Einführung der Orgel, und nur 300 sich dagegen aussprachen, ivährend einige hundert, weil gleichgültig, gar keine Ansicht äußerten; und bei solch überwältigendem Ausdruck des Gemeindewillens kann die Verwaltung nicht anders, als im Sinne der Majorität zu entscheiden. Eine Trennung in der Gemeinde sei absolut nicht zu befürchten, denn noch andere Großgemeinden, wie Berlin, Breslau, Frankfurt, Posen, Hamburg besitzen zweierlei Kultus, mit und ohne Orgel, und beide Synagogen stehen unter einer Gemeinde-Verwaltung, und keine Friedensstörung hemmt den gesellschaftlichen Verkehr oder das gemeinsame Wirken für alle Interessen des Judentums. Die

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