Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1902)
- Date
- 1902-02-01
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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i»p^r*v t-; "-" '- v »->--' "-■* *• '•■*-.v >,**. •■ r-^T-' ' ■ -.-w/w»'r — 28 — immer höhere Stufe der Vollendung zu ersteigen, um endlich die höchste erreichen zu können. Diese Anerkennung des Christentums von Seiten des Judentums schließt das Bekenntnis in sich, daß dasselbe seiner letzten Bestimmung nach mit ihm übereinstimme, und doch in der Gegenwart eine andere Aufgabe verfolge, daß es in seiner Erscheinung ein anderes und doch seinem wahren Wesen nach dasselbe sei; es schließt in Betracht des besondern geschichtlichen Verhältnisses, in welchem Judentum und Christentum zu einander stehen, das Zugeständnis in sich, daß dieses nicht ein fremder Zweig sei, der auf seinen Stamm gepfropft wurde, sondern ein Stamm, seiner eignen, oder doch einer gemeinsamen Wurzel entsprossen; 'daß derselbe nicht ein Abfall vom ursprünglichen Judentum, sondern eine Entwicklung desselben, wenn auch nur eine einseitige, eine vorbereitende sei; daß das letzte Ziel des Christentums nicht die Zerstörung, sondern die allgemeine Verwirklichung der Gotteserkenntnis sei, welche mit dem Judentum zuerst in die Menschheit eintrat. Wenn das Judentum, ich darf nicht sagen die einzig wahre Religion, aber doch der Keim und die Wurzel derselben ist, so muß das heutige Judentum, das Judentum, das nach der Entstehung des Christentums diesen Namen allein für sich in Anspruch nahm, sich selbst wie dieses nur als einen Ast des einen Stammes ansehen, der einst aus einer Wurzel sproßte. Nach verschiedenen Seiten aber gehen anfangs die Äste eines Stammes auseinander, und suchen dann durch tausend Zweige sich wieder zu nähern, die sie wie Hände einander zureichen, damit der eine Stamm auch wieder eine Krone habe. Und wenn diese Krone sich mit des Laubes Fülle bedeckt, so können wir nicht mehr erkennen, welchem Aste diese Blüte und jene Frucht gehöre. So müssen auch das Judentum und das Christentum sich die brüderliche Hand zum gemeinsamen Werke für die Menschheit reichen, und wenn es gethan ist, möge man sich sagen können, wessen Werk es sei. So lange wir aber noch diesen Ast von jenem sichtbar unterscheiden können, so lange wissen wir, daß es Winter ist, und daß wir keine Frucht zu erwarten haben von dem köstlichen Baume. Wird diese Anerkennung des Christentums von Seiten des Judentums in seine Gesetzbücher ausgenommen werden? wird sie öffentlich verkündet werden in den Synagogen? wird irgendwo eine Denksäule des geschlossenen Friedensbundes errichtet werden? Nein, auf die Tafel ihres Herzens werden es seine Bekenner schreiben, daß sie ihren christlichen Mitmenschen nicht nur als Menschen zu lieben habensondern daß sie auch als Glaubensverwandte sich mit besondern Banden an ihn geknüpft fühlen, und ihre Handlungen der Bruderliebe werden die Boten sein, die das neue Gesetz ebensowohl in den Kirchen wie in den Synagogen verkünden; als Friedenssäule aber werden die gemeinsamen Werke, ivelche Christ und Jude vereint vollbrachten, den späteren Geschlechtern ein Zeichen des neuen Bundes sein.