Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 tief gedachten Wahrheiten über Gott, Natur und Mensch, über Vergänglichkeit und Ewigkeit, über die flüchtigen Güter der Erde, wie über die unvergänglichen Heiligtümer der Seele, gerade dieser Gehalt verleiht ihnen ihre unvergängliche ästhetische Schönheit; denn abgesehen von dem natürlichen Schmuck ihrer Sprache besitzt die hebräische Poesie nichts von all den schimmernden Formen, die den Reiz der klassischen profanen Poesie ausmachen. Sie kennt weder Reime, noch Metrum, sondern nur ein gewisses inneres Ebenmaß der Rede, den sogenannten „Parallelismus der Satzglieder". Der Psalm 19, zu welchem die berühmte Chormelodie in Haydns „Schöpfung", „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" den schönsten Kommentar bietet, zeigt uns wie überhaupt die Musik die beste Interpretin der Psalmen sei; der Verherrlichung der Schöpfung gilt besonders Psalm 104, der in seiner Art nicht minder erhaben und vollendet sei wie jenes herrliche Tonwerk Haydns, dem es viele seiner schönsten Motiven gegeben habe, und der von Alexander von Humboldt in seinem „Kosmos" als ein vollendetes Beispiel der von ihm hochgefeierten hebräischen Naturpoesie angeführt wird. Psalm 8, der von den nächtlichen Himmelswundern ausgehend die hohe Stellung preist, die Gott dem Menschen in seiner Schöpfung hat angewiesen, erinnert Redner an einen bekannten Chorgesang ähnlichen Inhalts in der Antigone des Sophokles „Viel gewaltiges lebt, doch nichts ist gewaltiger als der Mensch" und zeigt, wie in diesem Vergleich der Gegensatz zwischen der heidnischen und der biblischen Weltanschauung charakteristisch hervortrete. Was dem heidnischen Gottesbegriffe insbesondere abgehe, das seien die ethischen Merkmale der Heiligkeit, der Güte und der Liebe. Darum werden auch die Götter der Griechen und Römer wie überhaupt der Heiden von ihren Anbetern'nicht geliebt, sondern nur gefürchtet.- Fern wie der Gedanke, daß die Götter die Menschen lieben, ist ihnen auch der Gedanke, daß die Menschen die Götter lieben. Und damit hängt auch zusammen, daß sie nichts wissen von der „Liebe des Menschen zu seinen Nebenmenschen" in dem allgemeinen ethischen Sinne, wie sie in Israels Lehre zum erstenmal ist ausgesprochen und durch die Lehre von Nazareth bestätigt und der ganzen Welt verkündet worden ist. Den innige» Zusammenhang zwischen der Vorstellung eines sittlichen Gottes und der Versittlichung des Menschen zeigen besonders die Psalmen 24 und 15, die in wenigen Zeilen ein ganzes Kompendium der Sittenlehre enthalten. Wie ferner Gottes unerschöpfliche Liebe in den Psalmen, so z. B. in Psalm 36, in unübertroffener Weise gepriesen wird, so findet in denselben die Liebe zu Gott, die Freude in Gott ihren vollendetsten und ergreifendsten Ausdruck, wie Redner durch einzelne Stellen aus Psalm 16 und 73 und durch den 23. Psalm das hohe Lied frommer Zuversicht darthut, dem gegenüber das bekannte Horaz'sche iutogor vitae resich nur schwach und matt ausnehme. Ein weiteres häufiges Motiv in den Psalmen ist die Kürze und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens, dessen Kontrast zur Ewigkeit Gottes ganz besonders in dem bekannten, dem Mose zugeschriebenen Psalm 90 in tief rührender Weise empfunden und ausgesprochen