Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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'- »,'S^ -'.W ' -.'-^^-?L-^ ^.'K^4-K,v — 14 — „Zuerst hatte ich den Gedanken gehabt, diese meine kleine Schrift über die Lösung der Judenfrage nur privatim unter meinen Freunden umlaufen zu lassen. Die Veröffentlichung dieser Ansichten habe ich später ins Auge gefaßt; ich hatte nicht die Absicht, eine persönliche Agitation für die jüdische Sache zu beginnen. Die nieisten Leser werden erstaunt sein, wenn sie von diesem früheren Widerstreben hören. Ich betrachtete die ganze Sache nur als eine solche, in der man handeln nicht aber disputieren müsse. Oeffentliche Agitation sollte nur mein letztes Auskunftsmittel werden, wenn man meinen privat gegebenen Rat nicht anhörte oder nicht befolgte. „Als ich mein Buch beendigt hatte, bat ich einen meiner ältesten und besten Freunde das Manuskript zu lesen. Während er las, fing er plötzlich an anfzuschreien Ich fand diese Erregung ganz natürlich, da er ein Jude war; ich hatte ja auch manchmal beim Schreiben laut aufgeschricen. Aber zu meiner Enttäuschung gab er einen ganz andern Grund seiner Erregung an. Er dachte, ich wäre irrsinnig geworden, und da er mein Freund war, machte ihn mein Unglück sehr traurig. Er lief weg, ohne ein anderes Wort zu sagen. Nach einer schlaflosen Nacht kam er zurück und drang in mich, die Sache zu lassen, da mich jeder für irre halten würde. Er war so erregt, daß ich ihm alles versprach, uin ihn zu beruhigen. Dann riet er mir, Max Nordau um Rat zu fragen, ob mein Plan die Eingebung einer vernünftigen Person sei. ,Jch werde niemand fragen/ war meine Antwort; ,wenn meine Gedanken einen solchen Eindruck auf einen gebildeten und treuen Freund machen, werde ich den Plan aufgeben/ „Ich hatte dann eine sehr ernste Krisis durchzumachen; ich kann sie nur damit vergleiche», wenn man einen rotglühenden Körper in kaltes Wasser wirft. Freilich, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird er Stahl. . „Mein Freund, von dem ich eben gesprochen habe, hatte meine Rechnungen für Telegramm-Ausgaben zusammenzuzählen. ' Als er mir die Rechnung gab, die aus einer sehr großen Reihe von Posten bestand, sah ich auf den ersten Blick, daß er ungenau zusanimengezählt hatte. Ich richtete seine Aufmerksamkrit darauf, und er zählte noch einmal zusammen; aber erst beim dritten oder vierten Male stimmte seine Summe mit der meinigen. Dieser kleine Vorfall gab mir mein Selbstvertrauen wieder zurück. Ich war doch imstande genauer zusammenzuzählen als er; meine Vernunft mußte inich also nicht gänzlich verlassen haben. „An jenem Tage begannen meine Beunruhigungen betreffs des Judenstaates. Während der zwei und mehr folgenden Jahre habe ich viele, viele traurige Tage erlebt, und ich fürchte, daß noch mehr traurige Tage folgen werden. 1895 begann ich ein Tagebuch zu führen; jetzt sind schon vier starke Bände angefüllt. Sollte ich sie je veröffentlichen, so würde die Welt erstaunt sein zu erfahren, was ich einzustecken gehabt habe, wer die Feinde meines Planes waren, und anderseits, wer mir beistand.