Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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.:■ ' '"V-- ' - ' - ■ -vii. — 12 — „Ich kann nicht leugnen, daß ich in die Schule ging. Zuerst wurde ich in eine jüdische Vorschule geschickt, wo ich ein gewisses Ansehen genoß, weil mein Vater ein wohlhabender Kaufmann war. Meine früheste Erinnerung an diese Schule besteht in Prügeln, welche ich erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszugs der Juden aus Aegypten nicht wußte. Gegenwärtig möchten mich viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zu viel an jenen Auszug aus Aegypten erinnere. Im Alter von 10 Jahren kam ich auf die Realschule, wo man im Gegensatz zu dem Gymnasium, welches das Schwergewicht auf die alten klassischen Sprachen legt, mehr das moderne Wissen betont. Lesseps war damals der Held des Tages, und ich faßte den Plan, den anderen Isthmus, den von Panama, zu durchstechen. Bald aber verlor ich meine bisherige Vorliebe für Logarithmen und Trigonometrie, weil damals eine ausgesprochene antisemitische Richtung auf der Realschule herrschte- Einer unserer Lehrer erklärte die Bedeutung des Wortes „Heiden," indem er sagte: „Zu dieser Klasse gehören die Götzendiener, Muhamedaner und Juden." Nach dieser merkwürdigen Erklärung hatte ich von der Realschule genug und wollte eine klassische Anstalt besuchen. Mein guter Vater zwängte mich für meine Studien nie in eine enge Bahn hinein, und so wurde ich Schüler eines Gymnasiums. Trotzdem war der Panama-Plan für mich noch nicht ganz beseitigt. Viele Jahre später hatte ich als Pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presse" (in Wien) die Pflicht über die berüchtigten Vorkommnisse bei dieser skandalösen Episode der Geschichte Frankreichs zu schreiben. „Im .Evangelischen Gymnasium' bildeten die Juden die Mehrzahl, und deshalb hatten wir uns nicht über irgend welche Judenhetze zu beklagen. In der Klasse VII«. schrieb ich meinen ersten Zeitungsartikel, natürlich ohne Namen; sonst würde ich vom Lehrer eingesperrt worden sein. Während meines Aufenthaltes in der obersten Klasse des Gymnasiums starb meine einzige Schwester, ein Mädchen von 18 Jahren; meine gute Mutter wurde vor Kummer so schwermütig, daß wir 1878 nach Wien verzogen. „Während der Trauerwoche besuchte uns Rabbi Kohn und fragte mich, was meine Pläne für die Zukunft wären. Ich sagte ihm, daß ich ein Schriftsteller werden wollte, worauf der Rabbi seinen Kopf ebenso unzufrieden schüttelte, wie er später den Zionismus mißbilligte. Eine Schriftstellerlaufbahn ist kein eigentlicher Beruf schloß der unzufriedene Rabbi. „In Wien studierte ich die Rechte, nahm an allen Studententorheiten teil und trug die bunte Mütze einer Verbindung, bis diese eines schönen Tages den Beschluß faßte, daß fortan keine Juden mehr als Mitglieder ausgenommen werden sollten. Die es schon waren, erhielten die freundliche Erlaubnis in der Verbindung zu bleiben. Ich sagte den edlen jungen Leuten Lebewohl und fing nun an, mich ernstlich an die Arbeit zu setzen. 1884 wurde ich Di', juris und trat als unbesoldeter Beamter unter Leitung eines Richters in die Gerichtspraxis ein. Ich