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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-01-01 · Heft 1 (1.1.1902) · p. Seite 10

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 1 (1.1.1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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- ' *-."•-vv'. » . — 10 — vom"Menschen fordert; sie soll jede seiner Thaten zu einer sittlichen machen, und als Urquell aller Sittlichkeit für ibn zum Spiegel werden, indem er seine eigene Aufgabe erkennt. Wenn sich aber einzelne Handlungen als religiöse Forderungen geltend machen, ohne sich als sittliche Thaten zu dokumentiren, so muß die Religion den Boden verlieren, dessen sie bedarf, um als die höchste sittliche Macht das ganze Leben in gleicher Weise zu durchdringen. Das Leben kann nicht wahrhaft religiös sein, wenn die Religion nicht durchaus lebendig ist. Die Religion will das Bewußtsein seiner Freiheit dem Menschen nicht nehmen, sondern geben; denn erst dann kann sein Leben den Anforderungen der Religion entsprechen, wenn er seinen freien Willen der Sittlichkeit unterordnet, die sie ihn erkennen und achten lehrt. Wenn aber bedeutungslose oder unverstandene Vorschriften ohne sittliche Berechtigung als Gebote der Religion auftreten, dann wird dieselbe zu einer fremden despotischen Macht, die sich unfern Willen knechtisch unterwerfen, aber nicht ihn zu wahrer Freiheit erheben will. — Wir setzen die Würde der Religion und die Würde unserer Freiheit in gleicher Weise herab, wenn wir Vorschriften als religiöse anerkennen wollen, die ein unverstandenes und bedeutungsloses Thun von uns fordern, das mit der ganzen Aufgabe unseres Lebens keinen sittlichen und vernünfligen Zusammenhang zeigt. Wir kommen aber nun zu der wichtigen und entscheidenden Frage, ob es bei der Aufhebung der bezeichneten Vorschriften nur gelte, der Unverletzlichkeit des Talmud, oder auch der Bibel, das heißt der mosaischen Gesetzgebung entgegenzutreten. Ich erwidere hierauf, daß es gilt, die Aufgabe der Religion und ihrer Bekenner für unsre Zeit zu ihrer Verwirklichung zu bringen. — Göttlich ist die Religion, und ihre Entwickelung innerhalb der Menschheit nicht minder, als ihr Inhalt; aber ihre jedesmalige Erscheinung zu einer bestimmten Zeit ist nichts anders, als die Gestaltung ihres göttlichen Inhalts für die Menschheit und durch die Menschheit. Das patriarchalische Familienleben der Erzväter, der Gottesstaat, das talmudische Judentum sind nicht minder solche Gestaltungen, als die Bibel; sie ist ein großes Moment in der Entivicklung des Judentums, aber sie ist nicht das Judentum selbst; denn der lebendige Organismus kann in seiner einzigen Erscheinung niemals sein ganzes Dasein entfalten. Ihre Gebote sind zu keiner Zeit vollständig erfüllt worden, nicht einmal im Gottesstaat, noch viel weniger im talmudischen Judentum, und sie kann also unmöglich in unsrer Zeit zur vollen Verwirklichung gelangen. Auch wir könnten gleich den Rabbinnern uns aus der Bibel selbst das Recht herleiten, jede einzelne Bestimmung derselben aufzuheben, die den Anforderungen unserer Zeit widerspricht, aber wir wollen offener verfahren, und nicht auch unsre Nachkommen in die Notwendigkeit versetzen, nur durch spitzfindige Distinktionen das Recht ihrer Zeit zur Anerkennung zu bringen. — Mit Ehrfurcht erfüllt mich die einfache Erhabenheit unsrer heiligen Schrift, mit Bewunderung erkenne ich die großen und ewigen Wahrheiten au, die sie der Menschheit gebracht hat; ja ich nenne sie mit

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