Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- u1, . »- ,>i--; ... rf-7T , . ., , . „ -—-------_- - ' ' < - ''f n " fv T -s <*/v*)*•• sr' — 6 -- bisherigen Betrachtungen aber haben uns hinreichend belehrt, daß es dasselbe Ziel sei, dem die Religion des Judentums selbst, und dem das Leben seiner Bekenner zustrebt; daß jene wie dieses die Befreiung von den nationalen Schranken eines uutcrgegangenen Volks, das Eintreten in die Nationalitäten der Gegenwart wollen, und einen Anteil am Leben und an der Entwicklung unserer Zeit in Anspruch nehmen. Es scheint also dieser Widerspruch zwischen dem Leben und der Religion nicht aus einer verschiedenen Richtung hervorgegangen zu sein, welcher beide in ihrer Entwickelung gefolgt sind, sondern aus dem verschiedenen Maß des Weges, den dieselben in dieser gemeinsamen Richtung bisher zurückgelegt haben. Es scheint das Leben den Fortschritt bereits vollbracht zu haben, zu dem sich die Religion noch nicht erheben konnte, und daher der Boden ein verschiedener zu sein, auf welchem beide stehen. — Aber auch diese Behauptung können wir nur zum Teil anerkenne!,. Es ist nicht wahr, daß das Leben bereits auf der neuen Stufe seines Daseins angelangt ist, und ebenso wenig ist die Religion auf dem alten Standpunkt ihrer Existenz stehen geblieben. Vielmehr haben beide durch ihre innere Entwickelung die Erhebung zur neuen Lebensstufe bereits in gleicher Weise vollbracht, aber beide haben es noch nicht vermocht, derselben die entsprechende Aenßerung und notwendige Gestaltung zu geben. Und der Widerspruch, in dem wir uns auf diesen Gebieten befinden, ist nicht in dem Zwiespalt des Lebens gegen die Religion selbst begründet, sondern in dem Vorsprung, welchen die innere Entwickelung beider gegen ihre äußere Gestaltung gewonnen hat. Die Religion ist nicht mit dem Leben, sondern beide sind mit sich selbst in Widerspruch, und dieser Widerspruch ist es, den unsere Zeit auszugleichen hat. Lassen Sie uns noch einmal zusehen, wie sich dieser Zwiespalt in der Wirklichkeit darstellt, um den Weg mit Sicherheit zu erkennen, der zu einer Lösung desselben führen muß. Die Religion, die sich durch die Auflösung des Gottesstaats von der nationalen Sonderheit des jüdischen Volkes frei gemacht hat, begehrt nach ihre»! unbeschränkten Eintritt in die nationalen Gestaltungen der Gegenwart. Die Religion ist sich der Aufgabe bewußt, am Leben der Gegenwart als selbständige Kraft wieder Anteil zu nehmen. Die Religion fühlt sich von der Notwendigkeit frei, sich selbst und ihre Bekenner von der Berührung mit der Außenivelt abzuschließen, und die Gemeinsamkeit des Wirkens mit Andersglaubenden zu beschränken. Die Religion erkennt, daß die Formen ihrer äußern Erscheinung das Verständnis der Gegenwart verloren haben; aber sie kann in dieser Gegenwart den Boden nicht gewinnen, auf welchem sie aus ihrer eigenen Kraft neue Formen zu entwickeln vermöchte. So hat das Judentum seine innere Entwickelung vollbracht, ohne ihr eine äußere Gestalt geben zu können. Fragen wir uns, wo ist dieses Judentum unserer Zeit zu finden, das der äußern Erscheinung entbehrt, so dürfen wir es freilich nicht in seinen Gesetzbüchern, nicht in seinen Synagogen, sondern in dem Bewußtsein und den Gemütern