Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Aber so wie die Religion beschränkend auf das Leben einwirkte, so übte sie, auch einen gestaltenden Einfluß auf dasselbe aus. Die großen Feste wurden in ihrer religiösen Feier zugleich zu einem bedeutsamen Moment des Familienlebens die Sabbatfeier gab den wichtigsten Halt für die geselligen Verhältnisse, die täglichen Gebete gaben zugleich die Zeiteinteilung des Tages, die großen Feste die Einteilung des Jahres und die Barmizwah wurde eben so der Zeitpunkt für den Eintritt ins Leben wie in die Religion. Die Diät der Lebensweise, die Keuschheit und Sittlichkeit gestalteten sich alle nach religiösen Gesetzen. Selbst die Grenzen und die Art und Weise der Wohltätigkeit wurde durch dieselben bestimmt, und endlich war die Erfüllung religiöser Vorschriften der Zweck, für welchen sich größere Gesammtheiten zu einem gemeinsamen Wirken vereinten, in dem sich die höchste sittliche Gestaltung des jüdischen Lebens jener Zeit darstellte. Das Leben war durchaus religiös und die Religion durchaus lebendig. Beide bewegten sich in denselben Grenzen und in denselben Schranken; über die Gemeinde hinaus hörte alle organische Gemeinschaft des Lebens wie der Religion auf und schwer dürste es also zu entscheiden sein, in wie weit die Abschließung der Juden von der nichtjüdischen Welt eine Folge der religiösen Vorschriften gewesen sei. welche den Verkehr mit Andersglaubenden erschwerten, oder in wie weit umgekehrt diese Vorschriften und Gebräuche jener erzwungenen Abschiebung des Lebens von der Außenwelt ihren Ursprung verdanken. Als aber das mächtige Wort der Geschichte auch das Leben des Juden aus seiner Abgeschlossenheit herausrief, und ihn an den Schicksalen und an der Entwickelung des Vaterlandes sowie der Menschheit seinen Anteil gewinnen hieß; als das Leben des Juden in seinem innersten Wesen und seiner äußeren Erscheinung ein völlig anderes geworden war, und die Religion noch immer in ihrer einmal gewonnenen Gestalt beharren zu müssen glaubte: da erkannte sich der Jude plötzlich als den Bürger zweier Welten, die wenig oder nichts mit einander gemein zu haben und verschiedene oder wohl gar widersprechende Anforderungen an ihn zu stellen schienen. Er gehörte einer Religion an, deren Vorschriften er nicht mehr zu gestaltenden Prinzipien seines Lebens zu machen wußte, und bewegte sich in einem Leben, das ihn überall von dem Boden seiner Religion hinwegzudrängen schien. Woher also, fragen wir, dieser plötzliche Widerspruch zwischen den beiden Sphären des Daseins, die wir auf allen früheren Entwicklungsstufen des Judentums in vollem Einklang miteinander gefunden haben? Ist etwa die Entwickelung beider eine verschiedene gewesen, und das natürliche Verhältnis derselben zu einander in der Weise zerstört und zerrissen worden, daß eine jede derselben einer andern Richtung folgte, einem andern Ziele zustrebte? Nein, die natürliche Entwickelung beider kann niemals in Widerspruch miteinander sein, denn eine wahrhafte Entwickelung der Religion kann nur durchs Leben und für das Leben vollbracht werden, und eine wahrhafte Entwickelung des Lebens, das heißt eine Erhebung desselben auf eine höhere Stufe der Sittlichkeit, muß von der Religion getragen werden. Unsere