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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-01-01 · Heft 1 (1.1.1902) · p. Seite 4

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 1 (1.1.1902)
Date
1902-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Menschen aufgeben müsse, um der Gottheit teilhaftig zu werden; jene leugnet die absolute Freiheit unseres Willens, indem sie ihn auf dem Gebiet der Religion einem unverstandenen Gesetz nnterordnet, diese will den Willen ganz ertödten und in einem dunkeln Gefühl der Sehnsucht nach Gott die höchste Vollendung des Menschen finden; jene sucht ihren Gott außerhalb der Welt, diese glaubt die Welt außerhalb Gottes, von dem sie abgefallen und zur Beute des Bösen geworden ist; jene endlich lehrt uns Geringschätzung gegen Andershandelnde, diese Haß und Verfolgung gegen Andersglaubende; jene ist der Felsenboden, auf welchem sich der himmelanstrebende Baum der Religion zum ungestalten Strauch verkrüppelt, diese der unergründliche Wüstensand, auf welchem er statt erquickender Früchte tötendes Gift hervorbringt. Beide sind keine Religion, jene das Scheinbild, diese das Zerrbild derselben. Man täuscht sich entschieden, »venu man glaubt, daß das Judentum in seiner natürlichen Entwicklung jemals eine dieser beiden Richtungen angenommen habe. Den Verirrungen des Pietismus konnte dasselbe nicht Preis gegeben sein, da es wohl niemals das Glauben, oder das Schauen zu seinem Wesen machte, sondern immer nur das Wissen und das Tun als die Mittel zur Gottgefälligkeit ansah. Das mosaische und talmudische Judentum hat die Andersglaubenden stets gemieden, zu manchen Zeiten seines Bestehens wohl auch geringgeschätzt, niemals aber gehaßt und noch viel weniger verfolgt. Das Judentum hat seinen Gott zwar hoch über die Welt und die Menschheit gesetzt, aber niemals diese als das Widerspiel Gottes, sondern als sein Werk erkannt, an dem er Wohlgefallen gefunden. — Aber auch die Werkheiligkeit, die Hinaussetzung der Religion aus dem Gebiet des Lebens ist niemals der wahrhafte Charakter des Judentums gewesen. Freilich hatte sich der Jude im Gottesstaat nicht nur der unumschränkten Willensfreiheit begeben, sondern dieselbe vielmehr gänzlich dem Willen Gottes untergeordnet, ivelcher der Gesetzgeber und Regierer des Staates war, aber nicht in der Weise, wie sich der Sklave seinem Herrn, sondern wie sich das Kind dem Vater unterordnet; und indem der Jude seinen Willen unbedingt dem göttlicken unterwarf, ordnete er ihn ja zugleich dem Staate unter, den wir auch gegenwärtig als den Ausdruck des Gesammtwillens über den unsrigen stellen. Keinesweges stand also die Religion außerhalb des Lebens, sondern vielmehr umgekehrt dieses ganz innerhalb derselben. — Während der Zeit des talmudischen Judentums fehlte diesem Verhältnis des Lebens zur Religion das vermittelnde Glied des Staats, in welchem die absolute Unterordnung des Individuums unter den göttlichen Willen zugleich zur Gestaltung eines Gesammtwillens wurde, dem der Einzelne seine Freiheit opfern konnte, ohne dadurch auf dieselbe zu verzichten Daher näherte sich in dieser Gestaltung des Judentums die Ausübung der religiösen Pflichen mehr dem Charakter der Werkheiligkeit; aber außerhalb des Lebens stand die jüdische Religion auch in dieser Zeit keinesweges, und ,beide Sphären des Daseins gingen vielmehr vollständig in einander auf, obwohl ein gewisses^ Uebergewicht nicht zu verkennen ist, welches diese über jenes ausübte.

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