Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1902)
- Date
- 1902-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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--' . 1 i I.,-1- M•«*/-1 r''' ■' '■ 1 — 3 - nur ein bestimmtes Gebiet innerhalb des Lebens gewinnen, mcht etwa diesen oder jenen Teil des Tages, dieses oder jenes Maß der Kräfte des Menschen für sich in Anspruch nehmen, sondern sie soll zu einem Moment, zu einer bewegenden Kraft des ganzen Lebens werden, und in ihrer Weise dasselbe nach allen Richtungen hin durchdringen. Ebenso wenig darf auch die Religion irgendwp aus dem Leben heraustreten, außerhalb desselben, oder gar über ihm stehen wollen, und wir können also in wenigen Worten das notwendige Wechselverhältnis zwischen der Religion und dem Leben ausdrücken: „Die Religion soll in ihrer ganzen Erscheinung lebendig sein, damit das ganze Leben seinem inneren Wesen nach religiös sein könne." Dieser Grundsatz also wird es sein, der uns bei unserer Betrachtung leitet, und der uns zunächst berechtigt, die Aufgabe einer jeden Daseinssphäre für sich zu betrachten, weil wir beide als solche erkannt haben, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern durchdringen sollen, und weil also die vollkommene Lösung der einen Aufgabe notwendig auch die Erfüllung der andern in sich schließt. Die Religion also soll lebendig sein, sie soll nicht außerhalb des Lebens und nicht über demselben stehen. Die Religion, welche außerhalb des Lebens steht, ist Werkheiligkeit, sie erbaut sich ein eigenes Gebiet von Pflichten und Handlungen, die für keinen anderen einen Wert haben, als für denjenigen» der sie ausübt, und auch diesen nicht in seiner sittlichen oder geistigen Fortbildung fördern, sondern ihn nur zum Diener einer Macht herabsetzen, deren Willen er sich ohne Prüfung zu unterwerfen hat. Sie stellen den Einzelnen mit einem Teil seines Daseins aus der sittlichen Beziehung zu seinen Mitmenschen heraus, und isoliren ihn in das Gebiet des Egoismus hinein. Auf der andern Seite berauben ihn diese Pflichten der freien und unbeschränkten Selbstbestimmung, indem sie gewisse Vorschriften als absolut giltig über das Gebiet seiner eigenen Beurteilung und seiner freien Wahl stellen. Endlich wird die Erfüllung dieser Vorschriften nicht selten zur mittelbaren Veranlassung, daß derjenige, der sich ihnen unterzieht, dadurch die höchste seiner Pflichten, nämlich die gegen Gott, erfüllt zu haben glaubt und darum meint, diejenigen gering achten zu dürfen, welche ihm das Leben gegen sich selbst und gegen seine Mitmenschen auferlegt. Die Religion, welche außerhalb des Lebens steht, ist Werkheiligkeit und führt zum selbstgenügsamen Egoismus. Die Religion, welche sich über das Leben erheben will, ist Scheinheiligkeit und Pietismus. Sie verachtet das Leben in seiner äußeren Erscheinung und indem sie es als ein irdisches schilt, sucht sie für sich selbst ein inneres, ein himmlisches Leben zu gewinnen. Wer sich ihr hingibt, glaubt sich von den Menschen entfernen zu müssen, um sich Gott zu nähern, und kehrt den Blick gen Himmel, um die Erde zu vergessen, auf der er steht. Jene lehrt uns gegen die Anforderungen gleichgiltig sein, welche das Leben an uns stellt, diese heißt uns dieselben geringschätzen und verachten; jene macht uns glauben,,daß man Gott dienen könne, ohne Menschen zu dienen, diese wähnt, daß man die