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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-12-01 · Heft 12 (1.12.1901) · p. Seite 277

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 12 (1.12.1901)
Date
1901-12-01
Page
Seite 277 (sequence 13)
Language
German
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,-•< , •. -^ " 3 ' X- " ' ‘ >M ■ ' . •'•"■ - - ’ ' , t — 277 — machen. Hier ist alles ausgedehnter, größer, vielfältiger, als es einst in Frankfurt war. Auch hier findet man Buchhandlungen, in denen das alte Testament und der Zalmud verkauft werden; auch hier sind die Magazine mit Ttödelwaren und alten Kleidern, Antiquitäten und Gerümpel, wie sie einst in Frankfurt gewesen und wie ich sie so charakteristisch nur noch in der Nähe des konto vechio in Florenz am gelben Arno gesehen habe. Auch hier sind die Fleischerläden mit den drei hebräischen Buchstaben, auch hier die Geflügelhandlungen mit abgehäuteten Hähnen und Gänse, deren hochrotes Fleisch so wenig einladendaussieht, umso weniger als man ihm die fette, blanke, weiße Haut genommen hat. Auch hier hängen die Kleider an den Fenstern, Hosen zu Dutzenden, Röcke, die schon Jahre getragen wurden und immer wieder getragen werden sollen. Aber ausgedehnter, größer, vielgestaltiger und vielfältiger ist hier das alles, als wohl in irgend einer anderen europäischen Stadt. Es ist eine Stadt für sich, ein ganzes Viertel, eine orientalische Kolonie mitten im Herzen des germanischen Stammes. Die blonde Holländerin mit den meist ganz flachsgelben Haaren, der vierschrötige Seemann mit dem roten Gesicht, Mynheer mit dem charakteristisch geschnittenen Backenbart und die Frauen, die von draußen in die Stadt kommen, die weißen Häubchen und Kappen aus Goldblech tragen, wie die ritterlichen Herren des Mittelalters, wenn ste zu Pferde stiegen, sie alle sind verschwunden. Pechschwarzes Haar bedeckt hier die Köpfe, dunkle, buschige Brauen wölben sich über den schwarzen, von langen Wimpern beschatteten, klugen Augen, blaß ist die Gesichtsfarbe, und scharf charakteristisch tritt die Nase hervor. Reiche Leute sieht man hier nicht. Sogar der Mittelstand ist selten. Die meisten machen einen armen Eindruck. Lebten doch Tausende in den Gassen von der berühmten Amsterdamer Diamantenschleiferei, und haben doch diese fast alle ihren kargen Verdienst im Lause des Winters infolge des südamerikanischen Krieges eingebüßt! Blickt man in eine Seitengasse, dann wird man sich bald wegwenden. Hier häuft sich der Schmutz, hier nistet das Elend. In dem Hafenviertel Genuas ging ich einst durch eine solche Gasse, wie es deren viele im Ghetto von Amsterdam giebt. Hier wird alles auf der Straße erledigt. Der gesamte Wäschebestand der Familie flattert, soweit er nicht gerade am Leibe getragen wird, in den Lüften, man hängt alles vor die Fenster, denn man hat eben keinen Platz. Wie der Italiener in den Gassen und Straßen von Rom und Pisa in solchen Vierteln draußen lebend sein karges Mahl für zwei oder drei erbettelte Kupferstücke von einem vorbeifahrenden Karren nimmt, so thut es auch heute der arme Jude in dem Ghetto von Amsterdam, in das die Reichen die Füße nicht setzen, in den Seitengassen der ^ockon Breestraat, in denen der Schmutz sich häuft. Ist es dort eine handvoll Kastanien, eine Orange und ein Löffel voll Polenta, so thun es hier eine Essiggurke, ein Stück hartes, geräuchertes Fleisch, ein Fisch, ein Zwiebel. Aber ein Unterschied scheint mir zu bestehen, zwischen dem Ghetto und

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