Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die urkundlich älteste Judengemeinde Deutschlands hat ein wechselvolles, über des Daseins Höhen und Tiefen führendes Schicksal. Sie genoß unter den Römern volles Bürgerrecht, und besaß schon zu Posthumus' Zeit, um 260 nach Christi Geburt, eine Synagoge; sie hatte sich um das Jahr 1000 zu einem mächtigen, selbständigen Gemeindewesen entwickelt, auf ausgedehntem Terrain, mit reich ausgestattetem Gotteshaus, mit Talmudschule, Hospital und Friedhof, mit Rabbiner und Lehrer, Magistrat und eigener Gerichtsbarkeit; sie hat dann zur Zeit der Kreuzzüge und in den darauf folgenden Jahrhunderten gelitten und geduldet und das unsäglich schwere Martyrium ihres Glaubens getragen, dabei gerade in diesen finsteren Zeiten das Licht der jüdischen Gelehrsamkeit auf allen Gebieten durch ausgezeichnete Vertreter außerordentlich gemehrt, und endlich im Jahre 1349 den von eigener Hand errichteten Scheiterhaufen bestiegen, um der Zwangsbekehrung zu entgehen; sie hat weiterhin vom Jahre 1372 an noch einmal ein kurzes, an Unbilden reiches Dasein gefristet, bis dann im Jahre 1424 „den Juden binnen Köln ihr Schirm und Fürwort aufgesagt und sie zu ewigen Tagen ausgewiesen wurden". Die „ewigen Tage" haben ein vorzeitiges Ende gefunden. — In diesem Monat sind es hundert Jahre, daß die Urenkel der vier Jahrhunderte zuvor aus Köln Vertriebenen sich dortselbst zur Bildung einer Gemeinde wieder vereinigten, sich ein Statut gaben und so den Grund zu der jetzigen Gemeinde legten. Auf einem Boden, geweiht und geheiligt durch große historische Erinnerung, erkauft durch Scheiterhaufen und Märtyrerblut, erhebt sich die neue Kölner jüdische Gemeinde. Sie wird den hundertjährigen Gedenktag ihrer Neubegründung nicht vorüber gehen lassen, ohne sich den Anteil zu vergegenwärtigen, der ihr durch ihre Geschichte au dem zweitausendjährigen, heldenhaften Kampfe des Judentums um seinen Glauben und seine Existenz zufällt. Und des abgelaufenen ersten Säkulums ihrer neuen Epoche wird sie gewiß gedenken. Manche Welle ist seit dem 21. Venedemiaire des Jahres X den Rhein hinabgerauscht; wir zählen nicht mehr mit Vendemiaires nnd nach der französischen Revolution; und der Rhein ist inzwischen wiederum in Wahrheit der deutsche Strom geworden. Auch die Kölner jüdische Gemeinde ist mächtig emporgeblüht, zählt zu den führenden Gemeinden Deutschlands, ragt hervor durch ihre Seelenzahl nnd ihre Leistungen, durch ihre Gotteshäuser, ihre religiösen und humanitären Institutionen. Im friedlichen Wettbewerb bethätigt sie wie nach innen, so auch nach außen ihre materiellen und geistigen Kräfte, und arbeitet im freundlichen Verein mit den übrigen Konfessionen, den kein Mißton trübt und stört, am Gedeihen und Wachstum des alten, heiligen Köln.