Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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auf den christlichen Spaziergängen zeigen würden, stellte die Weisheit des Magistrats eine außergewöhnlich große Anzahl Stadtsoldaten als Schildwachen auf diesen Wegen auf mit der Ordre, keine Juden auf diesen Spaziergängen zu dulden. Zwei Straßburger Juden indessen, deren einer Picard hieß, ein Verwandter des Abgeordneten der ersten durch Napoleon veranlaßten Versammlung jüdischer Notabeln, gingen Samstag den 27. September die Wälle entlang. In ihrer Eigenschaft als französische Bürger war ihnen dies längst gestattet. Jedoch der Pöbel, der absichtlich sich zusammengerottet hatte, wollte den Herren nicht gestatten, den Spaziergang fortzusetzen. Diese, wohl einsehend, daß sie gegen den Pöbel nichts ausrichten könnten, riefen die Hilfe der Stadtsoldaten an, welche letztere aber, anstatt den Angegriffenen Beistand zu leisten, sie in Arrest brachten, unter der Vorgabe, daß diese Juden gegen das Gesetz gehandelt hätten, das ihnen das Betreten der Promenade verbiete. Der Einwand: „Wir sind Franzosen" half natürlich nichts. Die Soldaten, von dem Pöbel gehetzt, traktierten die Gefangenen auf dem Wege nach der Stadthauptwache auf der Zeit mit Säbelhieben und Schimpfworten. Währenddessen rottete sich immer mehr Volk zusammen und alle Juden, welche sich auf der Straße befanden, wurden mißhandelt. Bald aber erschien die französische Wache, verscheuchte den Pöbel und beschützte die Mißhandelten. Die Sache kam darauf vor den fungierenden Oberbürgermeister. Die französischen Juden wurden vor ihn gebracht und in Freiheit gesetzt. Der Bürgermeister entschuldigte die Stadtsoldaten, die nicht gewußt hätten, daß Picard und sein Genosse Franzosen wären, während es den Frankfurter Juden nicht gestattet wäre, die Promenade zu betreten. Picard frug darauf den Bürgermeister, ob denn die Frankfurter Juden keine Menschen wären, welche Frage der Bürgermeister naiv beantwortete mit: „Nein." Es blieb aber nicht hierbei. Der französische Kommandant forderte Genugthuung für die Mißhandlungen, welche seine Landesgenossen erfahren hatten, die Soldaten mußten bestraft werden. Man sträubte sich auch gar nicht, diesem Verlangen nachzukommen und die schuldigen Soldaten wurden zu drei Tagen Gefängnis bei Wasser und Brod verurteilt. Dieses Urteil wurde auch am Nachmittage desselben Tages, an welchem der schändliche Vorfall sich zutrug, ausgesprochen und zwar durch denselben Bürgermeister, der kurz vorher Herrn Picard die vorerwähnte negative zoologische Belehrung gegeben hatte. Am folgenden Tage >var in den Frankfurter Zeitungen nachstehende Bekanntmachung zu lesen: „Nachdem zwei Bürger der Stadt Straßburg jüdischer Konfession gestern durch Stadtsoldaten auf dem Glacis mißhandelt worden, wird hiermit bekannt gemacht, daß gedachte Soldaten schuldig befunden wurden, durch Unachtsamkeit die Namens des Senats erlassene Ordnung übertreten zu haben, die befiehlt, daß die französischen Juden frei über die öffentlichen Promenaden gehen können und