Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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KL'assenkämpfe und soziale Hleform in Israel. Von Kurt Alexander-Berlin. (Schluß.) Die Garbe, die man bei der Ernte vergißt, soll man nicht zurückholen: man soll nicht Nachlese halten bei der Weinernte, damit Fremdlinge, Witwen, Waisen und Leviten sie einsammeln. Bei keinem Volke des Altertums finden wir eine derart rührende Rücksichtnahme auf die Schwachen und Wehrlosen. Wie weit diese ging, zeigt die Bestimmung, das der Israelit in jedem dritten Jahre den Gesamtzehnt an seinem Wohnorte niederlege, damit die Witwen und Waisen, wie auch die Leviten sich satt essen können. Zu dieser sozialreformatorischen Gesetzgebung können wir, glaube ich, auch ohne weiteres das Gesetz der Sabbatruhe hinzurechnen, das, wenn es auch vorwiegend religiösen Ursprunges ist, doch einen eminent sozialen Kern in sich birgt. Besonders wichtig ist, daß das soziale Moment in der Feier des Sabbats im Deuteronomium bedeutend stärker hervvrtritt, als im Bundesbnch. Heißt es doch dort „damit dein Sklave und deine Sklavin ruhen können wie du". Wenn wir alle diese Bestrebungen, zu denen noch das Jubeljahr kommt, von dem ich an anderer Stelle sprechen will, zusammenfassen, so müssen wir sagen, daß sie eine Sozialreform bedeuten, die vielleicht geeignet gewesen wäre, die Entwicklung in andere Bahnen zu leiten, wenn sie überhaupt zur Durchführung gelangt wären- Das war aber für die Dauer wenigstens nicht der Fall. Wenn auch die prophetischen Reformatoren ans dem Gebiete des religiösen Lebens gewaltige Änderungen herbeigeführt haben, ihre sozialetischen Forderungen wurden tauben Ohren gepredigt. Der Widerstand der herrschenden Klassen gegen sie war zu stark, als daß sie auf die Dauer sich hätten behaupten können. Wellhausen sagt: „Diese Gesetze richteten sich zumeist an die oberen Stände und diese zur Selbstverleugnung zu zwingen, war nicht so leicht, wie das Volk zum Verlassen der Altäre zu bringen." Daß das allgemeine Niveau in Israel ein weit höheres war, wie in den anderen antiken Staaten, war schon vorher Gegenstand der Betrachtung. Es hängt diese Erscheinung zusammen mit den Ideen, die im Volke lebten und mit der sittlichen Kraft, die zu dem Glauben an einen Gott führte. Aber diejenigen Bestimmungen, die einen kräftigen Bauernstand erhalten sollten und damit einen Mittelstand, der für jedes Land eine Notwendigkeit ist, weil es sonst in Kapital und Proletariat auseinanderklafft, konnten sie nicht durchsetzen. Sie haben höchstens in der ersten Zeit ihres Bestehens praktische Bedeutung gehabt. Wenn wir uns nun fragen, warum diese bedeutsamen Reformbestrebungen im Sande verliefen, so lassen sich dafür mehrere Gründe anführen. Vor allem sind die meisten dieser Anordnungen so sehr der menschlichen Natur entgegengesetzt, daß es auch uns ganz natürlich erscheint, >venn sich der Egoismus der Sellbsterhaltung dagegen regt. Betrachtet man von diesem Gesichtspunkte eine Institution wie das Erlaßjahr. Wie kann man verlangen, daß sich