Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1901)
- Date
- 1901-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Von solcher Natur war der Verfasser des „Schulchan aruch", welchen ein zu strenger Beurteiler wohl einen Betrüger nennen würde, der doch in Wahrheit ein Betrogener war. Jedenfalls war es ein Wahnsinn zu glauben und andere glauben zu machen die „M ischna" habe sich, zu einem göttlichen Wese» nmgeschaffen, in seine Brust gesenkt. War es kein Wahnsinn, so war es ein Götzendienst, oder beides. Wir haben wohl in der Geschichte ein ähnliches Beispiel von einem ihrer größten Männer, dem Weisesten der Griechen. Sokrates behauptet, ein göttliches Wesen (Daimonion) wohne in ihm, das ihn in allen Dingen berate. Allein sicher meint er damit jene göttliche Stimme in sich, die er sorgfältig zum himmlischen Ratgeber in sich ausbildet, wie sie in uns allen wohnt und göttlich waltet, wenn wir auf sie horchen und sie als himmlische Offenbarung verehren. — Karo aber war, wie uns jene Geschichte aus dem „Schelo" beweist, in Betreff seines „Maggid“, seiner zu einem Engel gestalteten „Mischna" ein Besessener, ein vom Wahnsinn heimgesuchter Mann; und da er von diesem Wahne dauernd befallen war, so können wir ihn gewiß von unserem Standpunkte ans nicht als einen beglaubigten Gesetzgeber anerkennen. — Uebrigens ist es zu verwundern, daß Karo in keinem seiner rabbinischen Bücher jener hochmütigen Einbildung und Selbstverherrlichung Erwähnung thut. Es sind deren drei, alle bedeutend: 1) „Keseph Mischne“, eine ausführliche alle Satzungen des Maimonidischen Sammlung aus den rabbinischen Grundschriften nachweisende und rechtfertigende Erklärung zur „Jad chasaka“; 2) „Beth Joseph“, eine Erklärung von gleicher Absicht und Tragweite zu den „Arba Turim“; 3) unser „Schulchan-aruch“ — zu deutsch: „der gedeckte Tisch" — ein sehr zutreffender Titel. Denn alles was in Nord und Süd, in Morgen- und Abendland auf dem Gebiete der jüdischen Gesetzeskunde hervorgetreten und gewachsen ist, das ist hier aufgetragen und bietet sich dem Nachfragenden in reichlichster Weise an- — In der äußeren Form, in der Zahl der Teile wie der einzelnen Abschnitte jedes Teiles, richtet sich „Karo", indem er sich für sein abschließendes Werk durch seine erschöpfenden Erklärungen zu den „Turim" den Weg gebahnt und begrenzt hat. Karo führt in seinem Buche keine Namen auf. Jetzt trat jener große Fehler der „Jad chasaka" in seiner ganzen Schwere und Stärke Hervor. Durch den „Schulchan aruch" erst sind die zahllosen Satzungen der rabbinischen Gesetzgebung zu einem verknöcherten Rechtsbuche in einander gewachsen, Der Talmud verstand unter „Din" was recht und billig, durch die Vernunft allein schon begründet ist — jetzt aber verstand man unter „Din" die strenge Satzung, den äußeren Brauch, und: „ein Abschnitt des Schulchan aruch hat so und so viel „Dinim" heißt: so und so viel Rechtsaussprüche, so und so viel zu „Recht" bestehende Bestimmungen des religiösen Brauches; denn alle diese Bestimmungen wurden als „Rechts fälle" betrachtet und als solche mit der größten