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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-09-01 · Heft 9 (1.9.1901) · p. Seite 197

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 9 (1.9.1901)
Date
1901-09-01
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 Mabbiner Dr. LeopoLd Stein über den „Schulchan aruch“. . Etwas zur Würdigung seiner „Schrift des Lebens". Jede größere Erscheinung in Natur und Geschichte, die einem kräftigen Lebenskeime ihre Entstehung verdankt, bedarf großer Zeitläufe, bis sie zu ihrem Höhepunkte gelangt, wo sie sich uns vollkommmen entfaltet darstellt, und wir erstaunen, wie so kleine Anfänge, die wir mit der Hand zu umspannen yermochten, solche Ausdehnung gewinnen konnten, die uns unfaßbar erscheint. Wer ahnt in dem Kerne den unermeßlichen Baum, und dennoch liegt dieser schon in jenem, wie ein Riese im Wickelbette; und in der Geschichte, wie in der Natur, ist es eine dunkle Kraft, nur erleuchtet und gewußt von Gott, welche ungewußt treibt und treibt, bis der Kern zur mächtigen Eiche, die Geburt der Geschichte zur riesigen Erscheinung geworden. — Allein der Baum stirbt, und der Riese stirbt; was in der Geschichte sich vorwärts gebildet hat, das bildet sich wieder zurück, und nur die göttlich unvergänglichen Gesetze und Ideen dauern fort, um Natur und Menschheit ewig zu verjüngen. — Und wer mochte ahnen, daß aus den winzigen Anfängen der pharisäischen Lehre sich durch den Wachstum von zwei Jahrtausenden jener vielgeästete und dicht verzweigte Baum des rabbinischen Religionsgesetzes gestalten werde? ein Baum, der den vergangenen Geschlechtern soviel Schatten gewährte, aber so wenig Licht durchließ! — Schon die Mischua mit ihren sechs Aesten zeigt gewaltigen Trieb, der in der Gemara unendlich wuchert, bis uns als ein sechshundertjähriger Niesenbanm der Talmud mächtig entgegentritt. Dann kommen die Ansätze des G e o n i m welche die Halachoth des Raf Alfaß zu läutern bestrebt sind, bis Maimonides auftritt, der große Sammler, und mit starker Hand die Früchte zusammcnträgt, aber das lebhafte Gezwitscher in den Zweigen, die Stimmen der Streitenden verstuminen heißt. Und Aschvri fängt die Bearbeitung des Baumes auf's neue an; und „Baal haturim“ unterstützt ihn — bis R. Joseph Karo erscheint und die Früchte des Baumes, gute und böse, wohlgereifte und wurmstichige, im Schulchan aruch auf den unabsehbar „gedeckten Tisch" auseinderlegt. — Da sind wir am Ziele; weiter kann der Baum nicht wachsen. Er hat seine Triebkraft erschöpft, und da es in Natur und Geschichte keinen Stillstand giebt, so muß in dem religionsgesetzlichen Leben des Rabbinismus eine Rückbildung eiutreteu. Das ist die Aufgabe unserer Zeit. Der Berfasser des Schulchan aruch, jenes religionsgesetzlichen Werkes, welches um die Mitte des 16. Jahrhunderts als das letzte und abschließende rabbinische

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