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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-08-01 · Heft 8 (1.8.1901) · p. Seite 173

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 8 (1.8.1901)
Date
1901-08-01
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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— 1?3 — ' ergötzen sich . . . O. ihr stillen, ätzenden Thränen, ihr halberstillten Seufzer, ihr allein seid das Loos Israels durch die Jahrhunderte! Allmählich wuchs die Menge des Volkes und noch vor Tagesdämmerung sah man auf dem Vororte der Westwand Menschen Kopf an Kopf stehen. An diesem Tage wird kein allgemeines Gebet abgehalten, jeder kommt mit dem Buche der Klagegesänge in der Hand, setzt sich auf eine» Stein und verrichtet ein leises Gebet. Bloß das Schluchzen der Frauen unterbricht diese feierliche Stille. Ein Jeder fühlt die Tragik dieses Moments und die Heiligkeit dieses Ortes, ein Jeder überwindet sich auch nach Möglichkeit und enthält sich des Wimmerns. Nur der Frauen Nerven schienen dieser stummen Trauer nicht gewachsen zu sein. . . Und nun jene Westwand! Steht sie wirklich so teilnahmslos der schweren Trauer jener Klagenden gegenüber? Es herrscht unter dem Volke der Glaube, daß dieselbe an diesem Tage weine, daß den zwei obersten Steinblöcken, gleich einem vor Kummer erstarrten Auge, zwei große Thränenperlen entlockt werden, die längs der Wand herabfließen. Die Mutter Erde nimmt sie nicht auf, sondern sie münden durch einen schmalen Flußsteg in den Jordan hinein. Zu jener seligen Zeit, wenn der Messias kommen wird, wird sich an dieser Stelle ein Flußbilden, bis dahin sind sie dem Auge des Menschen unzugänglich. Nach Beendigung der „Kinoth" stand ein hochbetagter Mann auf und mit lauter Stimme hielt er eine Rede, in der er darauf hindeutete, daß bereits 18 Jahrhunderte hingegangen sind, seitdem unsere heilige Stadt zerstört, Gottes Tempel verbrannt und das auserkorene Volk im Exil lebe. „Einzig und allein die Thora — unsere heilige National-Seele — dies einzige Kleinod ist uns als Erbe unseres früheren Glanzes übrig geblieben und dieses „Überbleibsel" (auf die Westwand deutend), das Prototyp des gegenwärtig zerstümmelten Nationalkörpers. . . . Das Schicksal unseres Volkes ähnelt dem Verhängnisse jener Wand. Es hat der Vorsehung gefallen, Israel zu strafen, aber nicht zu vertilgen; sie brach zwar die Wipfel, aber das Fundament ließ sie bestehen. „Unser Tempel ist vom Feuer verzehrt worden, allein sein Fundament hielt Stand. Vergebens bemühten sich unsere Widersacher, es sammt der Wurzel zu vernichten, da der Herr selbst Beschirmer dieses Überrestes Israels ist." „Ja, teure Brüder", setzte der Greis fort: „Der Hüter Israels schlummert nicht und schläft nicht,- aber wir selbst dürfen auch nicht schlafen Israels Hüter schläft und schlummert nicht; aber Israels Gegner schlummern auch nicht. Ihr unablässiges Abmühen, die Wand zu zerstören, setzen sie noch heute fort; und jetzt, jetzt haben sie als eifrigsten Helfer in ihrem Zerstörungswerke die mannigfachen Versuchungen, welche die Neuzeit ihnen geliefert. „Können wir nun angesichts alles dessen die Hände in den Schoß legen? Erinnert euch jener Sage, die von dieser Wand geht; sie ist lehrreich genug.

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