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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-08-01 · Heft 8 (1.8.1901) · p. Seite 172

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 8 (1.8.1901)
Date
1901-08-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Meine Gedanken verirrten sich wider meinen Willen im Labyrinte der Vergangenheit. Es kam mir vor, als ob die Feste Jerusalem von Bürgerkriegen durchwühlt, vom Hunger im Innern verzehrt, von Außen von schrecklichen, räuberischen, im Kampfe erprobten, unerbittlichen Feinden umzingelt wäre. Sieh' da, ' den grausamen Titus mit seinen Legionen, sieh' jenen feindseligen Römer mit dem verstümmelten Gesichte, der den ersten Feuerbrand in den Tempel schleuderte. In den Gassen herrscht Bestürzung. Verwirrung — Blut, Feuer, Stöhnen, Weinen, des Siegers wildes Geschrei, der Ketten Gerassel, der Sterbenden Röcheln — das alles durchzuckt mein Gehirn und mit Windeseile stürmt es an meiner Phantasie vorbei .... So verstrich ungefähr eine Stunde. Der Deklamator war bereits zu Ende, das Publicum wurde allmählich stiller, ausgenommen eine Alte in der Vorhalle, die von Zeit zu Zeit aufschluchzte. Matt zündete die Lichter von Neuem an und nahm das Lesen wieder auf. Die Gesichter sind verweint, die Augen gerötet und von Thränen geschwollen, so mancher Aufschlag am Rocke ist von einem Längenrisse durchzogen. Gegen Mitternacht begaben sich die Greise zur Westwand, um daselbst „Tikun Chazot" zu verrichten. Wir traten in eine Nacht, wie sie eben nur jenem Klima eigen ist: ein klarer von Myriaden von Sternen flimmernder Himmel über uns, die Luft frisch und durchsichtig daß man vom Berge Zion herab die ganze Gegend betrachten kann ... hinter der Wand — die Moschee des Omar, weiter hinauf der sich stolz erhebende Ölberg . . . dort Betlehem ... der Jordan . . . fern am Horizonte werfen die Berge Juda's, Mizpa und andere, denkwürdige Ortschaften ihre weiten, dunkeln Schatten. Ein heftiger Sturm weht in den Gebirgen und ruft ein Echo und Pfeifen in den mit Zinnen versehenen Wänden der Zionfeste hervor, die Bäume auf dem Ölberg beugen sich sammt ihren bläulich-weißen Blättern, als ob sie vor der Mauer des Tempelberges beten wollen. Auf dem schmalen Plätzchen, in einer Ecke der Westwand, steht, eine Gruppe alter Männer und Frauen, in weiße Kittel gehüllt, gleichsam ein Trupp Toter, die aus ihren eingeschlossenen Begräbnissen auferstanden sind. Da beginnt ein Greis mit weinender Stimme: „Stehe auf in der Mitternacht und flehe, noch vor der Morgenröte gieße Dein Herz aus vor dem Herrn, hebe Deine Hände gen Himmel, um der Säuglinge willen, die auf den Straßen vor Hunger verschmachten."— Weinen ertönt ringsumher. . . - Das Wetter heult und pfeift, der Mond wirft sein unheimlich blasses Licht auf jene phantastische Gruppe. Die weite Ferne meldet den Ton der Harfe und Flöte und das heitere Gelächter der tanzenden und schmausenden Türken. Bei ihnen sind jetzt die Fasten vor Bairam; bei Tag pflegen sie der Ruhe und des Nachts schwärmen sie und

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