Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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171 Diese Stimme erschallt aus der Tiefe der großartigen Ruinen, aus dem Herz der heiligen Trümmer, sie dringt zu den Ohren des israelitischen Volkes an allen seinen Aufenthaltsorten. Vom wüsten Orient aus erschallt und dringt diese Stimme bis in den entlegensten Westen hinein, teure und lichte Erinnerungen, wie auch unendlich melancholische Gedanken vereinend und in sich bergend, allen vergessenen Schreck, alle entschwundene Herrlichkeit belebend, das Herz für die Trübsal der Prüder empfänglicher, für ihr Unglück empfindsamer, für die Teilnahme an ihren Hoffnungen lebhafter schlagen zu machen. Nicht wenig Thränen wurden da während des Singens des feierlichen Liedes vergossen. Viele Lieder, die die Schicksalsschläge unseres Volkes besangen, habe ich in meiner Heimat vernommen, keines aber prägte sich meinem Gedächtnisse so ein, wie das, welches ich vor der Westwand hörte. Die Scene ist so ergreifend, daß es selbst die christlichen Pilger selten versäumen am Freitag Abend die Stätte vor der Westwand zu besuchen. Ja, viele weinen mit den Juden! Es ist Abend von Tischah-be-ab. Gegen Mittag werden alle jüdischen Geschäfte geschlossen, alle Professionisten halten inne mit der Arbeit. Die Bewohner der Vorstädte strömen allmählich in die Synagogen zusammen. Ich weiß nicht,, weshalb man am Tischah-be-ab Abend kein Gebet an der Westwand hält. Wäre es nicht richtiger, an diesem Abend auf dem Schauplatze der unglückseligen Begebenheit des Tages zu beten, anstatt in den Synagogen die „Klagelieder" zu lesen? Ich besuchte die Synagoge der Spanier, dieselbe war drückend voll. Das Innere füllten die Männer, die Vorhalle nahmen Frauen und Kinder ein; Alle in weißen Gewändern. Das Abendgebet war zu Ende, der Cantor begann die „Echah" zu lesen. Das versammelte Publikum hörte, aus der Erde sitzend, aufmerksam zu. So fuhr er fort bis zum Verse: „Er hat mich in die Finsternis gethan, wie die Toten der Welt". Da empfand ich als Fremdling das Gefühl eines ganz eigentümlichen Grausens: denn plötzlich waren alle Lichter ausgelöscht und in der Synagoge war es stockdunkel. Todesstille, als ob ein Gewitter im Anzuge wäre, herrschte hier. Diese übermannenden Schrecken, die Stille und die absolute Finsternis, dauerten einige Minuten. Da vernahm man plötzlich die Stimme eines Rabbiners, eines Vorlesers oder eines Cantors, welcher Gedichte im spanischen Dialekte laut deklamirte. Weinend trug er sie vor. Kaum hatte er chen ersten Vers beendet, als jählings in der Synagoge ein fürchterliches Schluchzen ausbrach: Männer, Frauen und Kinder weinten bis zur Erschöpfung. Der Vorleser recitirte weiter und das Volk zerfloß in Thränen; einige zerrissen ihre Kleider, andere zerrauften sich die Haare. Und ich saß in dieser Stockfinsternis, inmitten dieser wehklagenden Menge.