Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969914--6352-2975715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
170 Rumänien erkaufte in diesem Kriege seine völlige Selbständigkeit, aber der Juden Lage wurde nach diesem Kriege noch schlimmer, als zuvor .... Seine einzige Tochter war nun des Greises alleinige Hoffnung und letzter Trost in seinen alten Tagen. Man plünderte am lichten Tage, man zerstörte sein Haus, raubte sein Vermögen und, was das Haarsträubendste war, man mißhandelte seine Tochter. Das bescheidene fromme Mädchen vermochte diese Schmach nicht zu ertragen und siechte langsam dahin. Der Alte blieb allein zurück, ein verdorrter, seiner Äste beraubter Baum. Er veräußerte seine geringen, armseligen Habseligkeiten und siedelte nach Jerusalem über, um „vor Gott" auf's schmerzlichste, über das bittere Leid weinen zu können. Erschöpft sinkt er auf die Kniee, schmiegt sich an den glatten Fliesenstein des kleinen Plätzchens und nur ein Schluchzen und Stöhnen, das ihm den Atheni zu rauben droht, verrät, daß noch Leben in ihm ist ... . Und dort, in einer anderen Ecke stehen zwei junge Leute. Vor einem Jahre sahen wir sie in der 3£— et Universität. Sie schwärmten für die freie That, für des Vaterlandes Wohl, für die Linderung des Looses des armen Volkes „des in einen rauhen Schafspelz gekleideten Bruders'" Aber wir alle wissen, auf welche Weise sie in Jerusalem auftauchten .... Wie der Sprung dorthin ein unverhoffter ist, so ist auch die Ursache desselben eine unerwartete . . . Einer von ihnen, vom Glücke mehr begünstigt, versteht das Hebräische und erklärt daselbst seinem der Muttersprache unkundigen Kameraden die Geschichte des jüdischen Volkes. Todtenblässe bedeckt das Antlitz des Studenten, dessen Augen Flammen sprühen; er trauert nicht, er phantasiert vom Wiederaufblühen „seiner Nation", von der Rolle des zweiten Nehemia! Und neben den exaltirten Jünglingen betet und weint ein hebronischer Bürger mit rasirtem Haupte über das 6alut, ha-Schechinah. Für ihn existirt weder die Judenfrage, noch materielles Elend, nur das große Weltenleid Israels. ... Dieses ist das Bild der „Westwand" — dieser Ort ist „die Thränenurne der Juden." Könnten diese Steinmassen jemals schmelzen, sie wären schon lange, lange nicht da. Feierlich und rührend ist es hier am Freitag gegen Abend, wenn alle treue Unterthanen jener eigenartigen Prinzessin-Sabath sich da versammeln, um sie zu begrüßen. Feierlich melancholisch erschallen die erhabenen Lieder des Rabbi Salomo Alkabiz. Der Cantor, ein ehrwürdiger Greis mit schneeweißem Barte, einem blendend weißen Sabbat-Kittel, niit seiner schwachen, aber tief zum Herzen dringenden Stimme, singt unter freiem Himmel: „Fahre auf aus deinem Schlafe, erhebe dich/ erwache, denn Gottes Herrlichkeit erstrahlt dir."