Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Leidensbries in drei Heilen aus einem hebräischen Manuskript der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien übersetzt von Rabbiner vr. N. Brüll s. A. Am Hradschin nahe dem Thore und dem Strahof-Platze wurden viele Häuser und auch andere Gebäude verwüstet; die prächtigen Häuser der Grafen Czernin und Jhlick wurden förmlich bis an den Grund zerstört, doch wer kann die großen Verluste von vielen Millionen Gulden berechnen? Wer sie sieht, muß sich selbst gering achten. Auch befahlen die Franzosen in jener Zeit, daß innerhalb 24 Stunden Juden wie Nichtjuden, ei» Verzeichnis des bei ihnen von Nahrungsmitteln und Eßwaren für Menschen Vorhandenen, sowohl von Mehl als von Weizen, Gerste, Grütze, Hafer, Salz, Butter, dürres Fleisch abgeben; wer aber eines von selben verhehlen wird, der würde es mit dem Leben bezahlen. Außerdem trugen sie den Bewohnern der Stadt auf, daß sie in diesem Monate 120 OM Gulden hergeben und der Vorsteher der Altstadt trug den Juden auf, daß sie für ihren Teil 27 OM Gulden geben. Die Gemeindevorsteher ließen hierauf ankündigen, daß jeder 2 „Kapitalien" gebe;1) überdies sollen die dem Mittelstände angehörigen2) 5 Gulden und die Reichen 7 Gulden sogenanntes Kopfgeld geben. Noch war die eine Verordnung nicht ausgeführt, da kam schon wieder ein anderer Auftrag an die Gemeidevorsteher, daß die Silberhändler, zumal die diesen Handel das ganze Jahr in dem Hause, wo man das Geld prägt, „Münze" genannt betreiben, in dieses Haus um 20M fl. Silber stellen, damit man daraus Kleingeld3) präge: man werde es ihnen in französischem Gelde bezahlen. Und so thaten sie auch. Indessen steigerte sich die Not von Tag zu Tage; unser Herz zerfloß in Jammer „vor dem Pfeile der am Tage fliegt und vor dem Schrecken in der Nacht", denn in jeder Nacht schleuderten sie einige Bomben in die Stadt und richteten viele Feuersbrünste außerhalb der Stadt auf den Gebäuden und den Weinbergen an. „Diese mit Wagen jene mit Rossen, wir aber riefen den Namen des Ewigen, unseres Gottes an" häuften Gebete, Flehen, Bußelieder, „Unser Vater, unser König" und Psalmen. Viele hunderte von Talmudisten und Kinderlehreru beteten mit heißen Thränen, mit zerissenem, glühendem Herzen in den Synagogen, gingen auf die Gräber der Frommen und baten sie, daß sie unsere Fürsprecher und Anwälte seien und den Höchsten anflehen, daß er die Leiden von uns entferne, „denn er hat um Jakob herum seine Feinde aufgestellt". Möge es sein Wille sein, daß er die Schmach von unserem Gemüte tilge. Amen; so sei sein Wille! ‘) Vielleicht ist gemeint, daß jeder seine Gemeindesteuer in doppeltem Betrage leiste. ') Wohl die Besteuerten zweiter Klaffe. *) Scheidemünze.