Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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157 * Mittwoch den 29. Menachem (29. August) verordneten die Franzosen, daß Niemand, wer es auch immer sei, bei Strafe der Verhaftung von 6 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens auf die Straße gehe. An diesem Tage wurde verkauft ein Strich Brodmehl für 20 fl., Weizemehl für 30 fl., Grütze für 35 Gulden; ein Gansschenkel für 1 fl., eine Gansbrust (Belekt für I Rthlr., ein Seidel Schnialz für 1 Rthlr., ein Gansgekröse für 1 Rthlr., 1 Pf. Fleisch für 2 fl., 1 Pf. Butter für 1 Rthlr., ein Ei für 8 Kr. Wenn dazumal ein Beschneidungsmahl war, gaben die Reichen Milchspeisen, die vom Mittelstände gaben nur dem Gevater, dem Beschneider und einigen Anverwandten Kaffee und die „Mazzepan" genannte Speise gleich nach der Beschneidung und mehr nichts. Freitag am 2. des Monats Ellul (31. August) kauften die Fleischhauer gemeinschaftlich eine magere Kuh für 186 fl und verkauften das Pf. Fleisch für 1 Rthlr. Am Abende hielt man das Mincha-Gebet in den Synagogen, empfing den Sabbat und nachher gingen die Gemeindemitglieder nach Hause, um Maarib zu beten, aus Furcht vor jener Verordnung, daß die Bewohner der Stadt von 6 Uhr ab und später nicht mehr auf der Straße gehen dürfen; doch erwirkten es wenige Tage später die Juden von Mez, daß man wie sonst in gewöhnlichen Jahren zu Maarib gehen, doch nicht nach dem Synagogen-Gottesdieuste auf der Straße ververweilen dürfe, sondern gleich nach Hause gehe. Damals nahm durch unsere vielen Sünden die Hungersnot immer mehr zu, in den Krambuden gab's kein Brod, das Volk verlangte stöhnend nach Brod, die Leute gaben alle ihre Kostbarkeiten für Speise hin, um ihr in Hunger verkümmerndes Leben zu erhalten. Da aber war unser Herz krank in unseren Sünden und zerfloß uns das Herz im Jammer „als Kinder und Säuglinge in den Straßen der Stadt dahinkauerten und ihren Müttern zuriefen, wo ist Brod und Wein?" Bei der großen Not aßen wir Brod nach dem Gewichte; 1 Pfund 8 Lot Brod kosteten 9 Kreuzer; und von Weißbrod eine kaum einlötige Semmel 1 Kr. Die Steuereinnehmer der Stadt verteilten allwöchentlich 1500 Laib Brod, Grütze, Salz und Dürrobst, anch die Gemeindemitglieder teilten nach ihrem Vermögen aus, trotzdem reichte die Handvoll nicht hin. Die Armen flehten und bettelten um Brod, aber es war keines da. Blickt her und seht, ob es ein Leid gab wie unser Leid, wie uns Gott heimgesucht hat mit Schwert und Hunger, wie es in Jakob brennt, gleich Feuerflammen rings umher! Dienstag den 5. Ellul (4. Sptbr.) trug de Broglie allen Stadtteilen auf, einige Hundert Zentner Zinn und Blei zu liefern, und zwar sollte die Judengasse hundert Zentner liefern; außerdem solltest die Stadtteile 150000 fl. geben. Der Vorgesetzte der Altstadt beschloß, daß die Juden auf ihren Teil 27000 fl. geben und gleich Tags darauf schickten sie zur Eintreibung hundert Soldaten als Exekutionsmannschaft, wie dies stets ihre Ordnung war, bis wir die ganze Summe hergaben. An *) Seiet, eine volkstümliche Bezeichnung für den oben erwähnten Teil der Gans, (vielleicht aus „Balg" entstanden?).