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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-07-01 · Heft 7 (1.7.1901) · p. Seite 155

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 7 (1.7.1901)
Date
1901-07-01
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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155 Alle Mächte gehen über diese Erde, um wieder zu verschwinden, nur der Jude bleibt. Worin liegt das Geheimnis dieser Unsterblichkeit? Darin liegt eben die Lösung dieses scheinbar sphynxartigen Rätsels, das schon viele Köpfe beschäftigt hat, die zu den spitzfindigsten Antworten ihre Zuflucht nehmen mußten. Jene Völker, die vom Erdboden verschwanden, waren blos Werthers gewesen, die litten, und durch das Leiden und den schrecklichen Druck ihrer Feinde geistesschwach, kopflos wurden, und nicht mehr fähig waren, zwischen Sein und Nichtsein die Wahl zu treffen. Aber Israel ist ein Hamlet. Dieser äußerlich tolle, nervöse Hamlet hat im Innern ein gesundes Hirn und einen gesunden Verstand. Er will nicht so mir nichts dir nichts sich selbst aufgeben. Er geht zuerst zu Rate mit seinem Kopfe und mit seinem Herzen und fragt: „Sein oder Nichtsein? . . . .“ Und der Vernunftschluß seines Kopfes und der Nachklang in seinem Herzen lautet immer: Sein! — Sein ist das Losungswort alles Lebendigen. Ein geheimnisvoller Lebenstrieb liegt in jedem Wesen, „das da atmet im rosigen Licht", welches sich gegen das Nichtsein sträubt. Sein ist ein Kampfespunkt, um welchen die ganze organische Natur kämpft- Die größten Qualen und Leiden sind nicht imstande, diesen Lebenstrieb zu ersticken. Häschen, das im Schnee liegt und keinen Klee hat und vor Hunger darbt und von Frost erstarrt, und den Tod sich wünscht, springt auf, wenn es den Jagdhund bellen hört und läuft über Berg und Thal, um dem Schuß des Jägers zu entrinnen. Häschen will trotz der vielen Leiden noch gern leben Häschen will sein. Besonders der Mensch klammert sich ans Sein! Blos der Gedanke ans Nichtsein macht ihn erbeben. Hat er sich ja ein Jenseits geschaffen, nur um das Nichtsein nicht denken zu müssen. Und fragt er sich: „Sein oder Nichtsein?" So spricht die innere Stimme immer: „Sein!" Selbst jene ascetischen Budhaisten, die ihren Leib kasteien und plagen, und das einzige Heil und die Glückseeligkeit in dem Nichts, in Nirwana suchen, thuen dies nicht, weil sie dem Nichtsein huldigen. Im Gegenteil. Nirwana ist bei ihnen das höhere Sein im Höchsten, das Sein in Ruhe. Sein ist bejahend, Nichtsein verneinend, und der Satan ist es „der Alles verneint." Und einen allzugroßen Abscheu verspürt der Mensch gegenüber dem Satan, als daß er sich ihm mit Haut und Haaren verschreiben wollte. Daruni ist es auch ganz natürlich, daß, wenn Judenhamlet „Sein oder Nichtsein" fragt, die innere Stimme stets antwortet: „Sein! — Also hat der große Shakespeare in seinem Hamlet das Judentum, wie es klagt und seufzt, wie es denkt und fühlt, gezeichnet. Doch Einiges giebt es, was den Dänenprinzen vom Judenhamlet unterscheidet. Der nordische Dänenprinz ist rachesüchtig, Judenhamlet ist es nicht. Judenhamlet weiß, daß Jehova gesprochen hat: „Mein ist die Rache und ich vergelte". Judenhamlet horcht nur auf den zweiten Teil der Rede des Geistes: Er überläßt seine Feinde „dem Himmel und den Dornen." Der dänische Hamlet wird von schönen Frauen beweint und von kalten Herren bemitleidet, Judenhamlet aber verschmäht und verachtet. Der dänische Hamlet hat wenigstens einen Freund, einen Horatio, Judenhamlet — keinen.

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