Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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14? Religion loslösen? Ist es nicht ein trauriges Merkmal, daß gerade diejenigen, welche das nationale Moment so sehr betonen, so wenig von der Religion wissen wollen? Modern sei das Judentum; damit meinen wir aber nicht, es müsse Einrichtungen fremder Konfessionen sklavisch nachahmen, der Gottesdienst solle zur Oper und zum Konzerte entweiht werden, die Kantoren und Rabbiner mögen in dem Schnitt ihrer Ornate so viel als möglich die Geistlichen anderer Bekenntnisse nachäffen, wir verstehen unter einem modernen Judentums vielmehr ein solches, das seine geistigen und sittlichen Schätze zum Gemeingut des Volkes macht, das sich nicht künstlich in das Ghetto zurückzieht, und trotz elektrischen Lichtes und opernhafter Gesänge wie eine Mumie seinen Bekennern entgegenstarrt. Wir glauben, hier ist die Aufgabe, welche den Rabbinern gestellt werden muß. Mögen sie den arg verfahrenen Wagen bei Religion nicht noch mehr sich verirren lassen, sondern endlich auf den rechten Weg bringen. Das elektrische Licht in den Synagogen sei uns ein Symbol mit dem Lichte einer neuen Zeit in die Finsternis zu leuchten, die uns wie dichtes Gewölke umgiebt. Wir fügen hieran eine erfreuliche moderne Kundgebung aus einer Sitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes (1l. Mai 1901). Bei Gelegenheit der Beratung über Errichtung einer historischen Commission, bei welcher der Berichterstatter, Herr Dr. Maximilian Steiner, nachstehendes ausgesprochen, das in der Sitzung vom 2. Juni 1901 die Billigung der Finanzleute in der Verwaltung gefunden, und von Verständnis für modernes Judentum Zeugnis ablegt. Kein Volksstamm der Welt hat eine interessantere Geschichte als der jüdische, und kein Volk kennt seine eigene Geschichte so wenig als das jüdische, und keine jüdische Gemeinde hat sich so wenig um ihre Vorfahren bekümmert, als die Wiener Kultusgemeinde. Nur so ist es zu erklären, daß der Cultusvorstand vor 2 Jahren das Ref gierungs-Jubiläum durch Abfassung einer Geschichte der Juden in Österreich feiern | wollte — eine Geschichte, die ein fortlaufendes Martyrologium bildet vom frühen | Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Sollten etwa die Judenbrände von Krems 1 und Wien, die Judenvertreibungen von Wien (1670) und Prag (1775), das Juden- - . J Amt unter Laroze-Ledtinizky, der Prozeß von Tisza-Eszlar-Polnä als Ruhmestitel ’j der österreichischen Regierungen dargestellt werden? Nun, welche Auffassung der ] Geschichtswissenschaft zeigt es, daß man die Abfassung einer Geschichte improvisiren J lassen wollte, ohne daß hiefür auch nur die bescheidensten Vorarbeiten bestanden? J Seit Josef Wertheimer 1841 die kühne That gewagt hatte, trotz Polizei und « Censurhosstelle in seinem berühmten Werke „Die Juden in Österreich" der Welt j* zu zeigen, welches Los unseren Vätern und uns selbst in Österreich beschieden war, . \ ist für die Pflege der Geschichte hier zu Lande so viel als Nichts geschehen.- Wertheimer hat durch den christlichen Historiker Kallenbeck den Anfang zu Archivj