Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 146 krankt an Reaktion. Die Neuzeit und ihre Forderungen, sie werden in unserer Mitte nicht mit überkommenen und ganz uiiversta»denen Einrichtungen grauer Vorzeit in Einklang gebracht. Wir befinden uns in einem mit modernem elektrischen Lichte beleuchteten herrlichen Gotteshause am Vorabende des Passahfestes. Gehobenen Geistes wollen wir unser Freiheitsfest feiern. Und stehe, da begiebt sich ein Dajan zum „Omed", um den Segensspruch „Erube Chazeroth" zu sage»; kein Mensch weiß, was dieser Spruch bedeutet, gedankenlos läßt man die in unserer Zeit ganz sinnlosen Worte über sich ergehen, und kein elektrisches Glüh- oder Bogenlicht leuchtet in diese Finsternis. Das Mittelalter muß vorangehen, und das deutsche Lied, vom gemischten oder ungemischten Chor gesungen, folgt. — An diesem unversöhnten Gegensätze zweier Zeiten krankt unser Judentum. Leute, welche über alle Gebote unserer Religion sich hinwegsetzen, sitzen dann zu Gerichte und urteilen ab über Gottesdienst, Religionsunterricht und — Koscherfleisch! — Mit dieser Heuchelei im Judentume sollte doch endlich gebrochen werden. Entweder sind wir moderne Menschen, dann überlassen wir das Mittelalter jenen Inden, welche sich darin wohl fühlen, oder wir sind Juden, die ohne Mittelalter nicht leben können, dann drehen wir das elektrische Licht ab, und begeben uns in die kellerartig tief gelegene „Schul". — Nichts ist für eine Religion gefährlicher, als wenn sie vorgiebt, ihre Grundlage seien Gebote, die ja doch nur die Wenigsten beobachten. Und diese Anschauung ist wenigstens im Judentum Österreichs die noch immer herrschende. Wir wollen die Jllussion nicht aufgeben, daß mit den überkommenen Formeln das Judentum steht und fällt. So täuschen wir uns selbst und jene Leute können sich als die unfehlbaren Päpste des Judentums aufspielen. Was soll es mit dieser Reaktion, die wir in unserer Mitte künstlich züchten? Treiben wir nicht durch diese unsere Jugend und einen der wichtigsten Faktoren jeder Konfession, die Frauen, aus unserem Heiligtume? Die so vielfach traurigen Erscheinungen unserer Zeit, der Abfall, die Gleichgiltigkeit, aber auch die krankhafte Sucht, in das Judentunl diesem ganz fremde Elemente zu tragen, sie sind nur aus dem Widerspruche zu erklären, in welchem wir uns befinden. Schaffet endlich einmal einen Volksgottesdienst, d. h. einen vom Volk verstandenen Gottesdienst, ziehet zu ihm die Jugend, die Frauen heran, belehret die nach dem Gottesworte Hungernden über den ethischen Gehalt des Judentums, über den nie versiegenden Born wahrer Sittlichkeit, welcher das Judentum stets von Neuem belebt, und der es nie hat untergehen lassen, dann werdet ihr eure Pflicht als Vorstände. der Gemeinde und als ihre Rabbiner gethan haben. — Man spricht heute sehr viel von der Betonung des nationalen Gedankens im Judentum. Es ist dies eine Frage, über welche sich diskutieren läßt. Aber gerade das Auftauchen dieser vielventilierten Frage zeigt uns, daß gewisse Kreise in dem religiösen Momente, wie es jetzt im Judentume in die Erscheinung tritt, kein Genüge mehr finden. Was bleibt aber vom Judentum, wenn wir es von der