Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1901)
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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daß sie einen Teil ihrer früheren akademischen Geltung in Deutschland zurückzugewinnen im Begriffe ist. Der nicht ganz mittelgroße Mann mit dem kurzgeschorenen, weißen Haupthaar und der blauen Brille, vom Ansehen älter als er ist, betrat schüchtern die Tribüne, aber die Schüchternheit verschwand sofort, als er über die Blätter des Maiiuskripts hinweg ausdrucksvoll und eindringlich die ersten wohlgegefügten Sätze des anderthalbstündigen Vortrages gesprochen hatte, der bis zum Schluffe durch den fesselnden Reiz der Gedanken wie der Diktion die Aufmerksamkeit ununterbrochen gefangen hielt. — Nach der neuesten Volkszählung beträgt die Seelenzahl der Kudapester israelitischen Gemeinde 157069. — Sr. Majestät der Kaiser von Österreich hat acht hervorragende Persönlichkeiten zu Herrenhausmitgliedern auf Lebensdauer ernannt, unter diesen den Wiener Universitätsprofessor Dr. Theodor Gomperz. Derselbe im Jahre 1832 in Brünn geboren, seit 1867 Privatdocent der klassischen Philologie an der Wiener. Universität, wurde daselbst 1869 außerordentlicher, 1873 ordentlicher Professor seines Faches. I» seiner Wirksamkeit als Lehrer hat er eine Generation gediegener Philologen dem akademischen, wie dem Mittelschullehrainte zugeführt. In der allgemeinen wissenschaftlichen Welt trat er zuerst als Übersetzer von John Stuart Mill hervor, dessen Werke er im Vereine mit Adolf Soetbeer u. A. in das Deutsche übertrug. Das Hauptwerk von Gomperz und zugleich die reichste Frucht eiues arbeitsvollen Lebens sind seine „Griechischen Denker", dessen zweiter Band demnächst erscheinen soll. Gomperz führt den Titel eines Hofrates und besitzt das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft. Er ist eben jetzt, obwohl er die für das akademische Lehramt festgesetzte Altersgrenze noch nicht erreicht hat, um seine Pensionirung eingeschritten. Für diesen Entschluß des Gelehrten soll insbesondere der Umstand entscheidend gewesen sein, daß er sein Werk „Griechische Denker" in Ruhe und Muße zu vollenden wünscht. — In Wien starb Pfarrer Dechert, bekannt als demagogischer Kanzelredner gegen die Juden und Luther. Seine Schmähschriften: „Das Judenvaterunser" und „Luthers Tod" gaben wiederholt Anlaß zu Interpellationen im Parlament. Gemeinsam mit Primarius Mayer, einem getauften Juden und Verfasser einer Ritualmord-Broschüre, saß er auf der Anklagebank. Trotzdem fand ihn die christlich-soziale Gemeindevertretung der höchsten städtischen Auszeichnung für würdig und verlieh ihn« die doppelte große goldene Salvator-Medaille. — Das Oberhaupt der katholischen Welt, Papst Leo XIII. hat jüngst die Gattin des ung. Abgeordneten Hofrat Dr. Armin Ueumann in Privat-Audienz empfangen. Die hochgebildete Dame ist auf Empfehlung des päpstlichen Leibarztes Dr. Lapponi zum Papste gelangt. Diese Audienz ist für Frau Dr. Neumann eine besondere Auszeichnung umsomehr, als zu gleicher Zeit Herzoge, Herzoginnen, Grafen und Gräfinen sich um eine solche bewarben, die aber alle abschlägig beschieden wurden, weil zu dieser Zeit sich der Papst zur Osterfeier rüstete. — „Haben Sie einen weiten Weg zurückgelegt? Und Sie sind wahrscheinlich müde" sagte der Papst mit einer sanft lächelnden Miene. „Tausendfache Mühe