Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1901)
- Date
- 1901-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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133 Menschenfurcht und Menschenscheu für die religiös-sittlichen Ideale, für die Gottessache auf Erden eintritt, wenn man mit einem Worte ein treuer gewissenhafter Arbeiter ist am Weinberge des Herrn. Nachdem der Redner vom poetischen Stand-; punkte der Bibel den Feigenbaum, den Ölbaum, den Mandelbaum, den Granatbaum, * den Apfelbaum und andere Bäume beleuchtet hatte, verweilte er längere Zeit bei j dem Baum, der auch uns im deutschen Vaterlande als Bild der Stärke, der Ausdauer, der Hoheit und der Pracht gilt, bei der Eiche. Wie die Ceder die Königin , unter den Nadelhölzern ist. so die Eiche die Fustin unter den Laubhölzern. Nach weiteren anregenden Ausführungen klang endlich der Vortrag in den stimmungsvollen Schluß aus: Es weht in der heiligen Schrift ein wunderbarer Hauch der i Poesie um die Wipfel der Bäume. Und wenn der milde Westwind durch die | Zweige und Äste zieht, dann hört man es in dem grünen Laubwerk ahnungsvoll rauschen, flüstern und raunen; es ist, als ob jedes Blatt eine Zunge wäre und ein; Lied anstimmte, das aus dem Dunstkreis dieser Erde zum Himmel emporsteigt, woher der Tau und der Regen fällt, der dem Baume zur Labsal und zur Erquickung; dient. Diese wunderbare Poesie des Baumes findet ihren tiefsinnigen Ausdruck in einer althebräischen Erzählung, welche berichtet, daß jeder Baum, wenn das Frühj \ rot des heranbrechenden Tages ihn aus dem Schlafe weckt und mit mildem Schimmer; umfließt, ein Loblied auf Gott den Herrn, seinen Schöpfer, anstimmt, das mit dem > Psalmworte aufjubelt: „Ehre sei dem Herrn in Ewigkeit, es freut sich der Herr , seiner Werke!" Die Bäume sind die Werke Gottes Sie sind die Zeiger, welche auch das Auge des Menschen aus der Tiefe zur Höhe emporrichten. Die Ceder auf dem Libanon, die Palme am Wüstenrande, die Föhre im hohen Norden und die Eiche im deutschen Walde, sie alle einigen sich im tausendstimmigen Chore, der mit Sturmesbrausen zum Himmel empordringt: „Ehre dem Herrn in Ewigkeit!" Denn J Gottes ist der Orient, 1 Gottes ist der Oceident, Nord und südliches Gelände, i Ruht im Frieden seiner Hände.? Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Herlin hielt Herr Oberrabbiner \ Dr. M. Güdemann aus Wien den letzten der öffentlichen Vorträge dieser Saison 'i über Bileam. In der geistreichen Weise, die Alle schätzen gelernt haben, die die Eigenart dieses Gelehrten kennen, wußte der Redner die ganze Geschichte | von Bileam als ein feines Satyrspiel zu charakterisiren. Die Durchführung dieser Idee war geradezu frappirend. Nicht weniger geistreich war die Parallele mit der griechischen Sage von dem blinden Seher Teiresias und dem König Oedipus. Ja, bis auf die Ballade von Bürger „Der Kaiser und der Abt" hinab verfolgte der Vortragende die vergleichenden Momente, der Sage. Ein außerordentlich zahlreiches und distinguirtes Publikum folgte den interessanten und fesselnden Ausführungen des gefeierten Redners bis zum Schluffe mit gespannter Aufmerksamkeit und gab '