Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-06-01 · Heft 6 (1.6.1901) · p. Seite 126

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 6 (1.6.1901)
Date
1901-06-01
Page
Seite 126 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969906-2969912--6306-2975667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

126 und der liebe Gott herunterkommen und sich ihnen zeigen, am Hellen lichten Tag, wie den Vätern einst. dort am jenseitigen Ufer des roten Meeres. Sonst, nun sonst i st er gar nicht, und ist es nichts mit ihm und mit seiner Allgerechtigkeit. Aber, meine Lieben, wäre denn das alsdann noch Glauben? Gebe es denn da überhaupt noch eine Gerechtigkeit, ein Verdienst, eine Tugend, eine Seligkeit? Wären wir denn dann nicht alle, um einen hochmodernen Ausdruck zu gebrauchen, „jenseits von gut und böse", wahre und wirkliche „Uebermenschen", freilich nach einer andern, nach der besseren und edleren Seite hin? Es gab ja einmal auf Erden einen solchen „Uebermenschen". Das war Moses — in dem Augenblicke, als er bat: „O, laß mich Deine Herrlichkeit schauen!" (Exod. 33, 18) Und was gab der Herr ihm zur Antwort? „Du kannst mein Angesicht nicht schauen; denn nicht sieht mich der Mensch, so lange er lebt." (das. V. 20) Man erklärt dies gewöhnlich wie folgt: So .wenig das menschliche Auge in das Strahlenmeer der Sonne zu blicken vermag, ohne zu erblinden, eben so wenig oder noch viel, viel weniger vermag dasselbe den Anblick des Lichts der göttlichen Herrlichkeit zu ertragen Ich aber glaube, der Sinn dürfte demnächst auch noch folgender fein: „Du kannst mein Antlitz nicht schauen; denn nicht soll der Mensch mich sehen, so lange er lebt." Was bliebe ihm denn dann noch übrig auf Erden? Welche Aufgabe? Welches Thun? Welches Streben? Welche Hoffnung? Welche Sehnsucht? * * Wenn ich aber oben, m. A.. von den groß und weit geöffneten Augen unserer heutigen halb oder ganz Ungläubigen sprach, so meinte ich eigentlich folgendes: Man hat die Menschen in neuerer Zeit gelehrt, nur an das zu glauben, was sie sehen. Und man hat sie zu dem Zwecke sehen, recht scharf sehen gelehrt. Zu dem Zwecke, sage ich, also nicht um, wie einst noch die alte Schlange gesprochen hatte: „Dann öffnen sich Euch die Augen, und Ihr seid gottgleich, unterscheidend zwischen gut und böse" (Genesis 3, 5), sondern nur um zu erkennen, um zu wissen, was ist, und was nicht ist, und höchstens noch um sich die Natur mehr zu unterwerfen, nutzbar zu machen und so zu genießen. Während jenes das „Unterscheiden zwischen gut und böse", unseren heutigen Verführern manchesmal ganz Nebensache ist — trachten sie vielmehr doch nach dem schlechten P>d rechten „jenseits von gut und böse", — was doch in ein ganz anderes Kapitel gehört. Oder, um vielleicht doch nicht ungerecht zu werden: weil die Menschen nun einmal recht scharf sehen gelernt haben, schärfer denn je zuvor — wer wollte es auch bestreiten! — mikroskopisch, teleskopisch, neuestens auch elektrisch, röntgenisch u. s. w-, so daß sie förmlich jenen „Rädern" am göttlichen Thronwagen gleichen, von denen gesagt ist» daß ihre „Rücken voller Augen" waren (Ezech, 1, 18), darum vermeinen sie nun schon alles sehen und wissen zu können, ja alles auch schon gesehen zu haben, und glauben sie eben darum bereits an nichts mehr, als was sie derart sehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.