Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 116 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969911--6295-2975655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tigen Einfluß, den die Septuaginta seit ihrem Entstehen auf die Heidenwelt ausübte und den Impuls, den sie sowohl den des Hebräischen 'unkundigen Juden, wie auch den heidnischen Enthusiastern gab, die Ideen des Judentums, wie sie im mosaischen Gesetz und in den Reden der Propheten ausgesprochen sind, als höchste, einzige, für alle Völker bistimmte Wahrheit zu propagiren- Als besonders merkwürdige, jüdisch-hellenistische Erzeugnisse hob der Redner die sibyllinischen Orakel hervor und zitirte Stellen aus dem dritten, von einem jüdischen Dichter verfaßten Sibyllinen-Buche, welches in homerischen Hexametern, mit sophocleischem Pathos, den einig-einzigen Gott anruft und preist, der über den Cherubim thront, in jesajanischen Stile von der herrlichen Zukunft Jsrals spricht und die künftige friedliche Vereinigung der Völker zum Dienste des Ewigen in einer Weise malt, daß man glauben könnte, der Verfasser habe die jüdischen Neujahrsgebete benutzt, wenn man nicht sicher wüßte, daß er kein Wort Hebräisch verstand und seine jüdische Weltanschauung nur aus der griechischen Bibelübersetzung schöpfen konnte. Der Vortragende ging dann auf eine Besprechung der Schriften Philos über, des Hauptrepräsentanten des jüdisch-hellenischen Geistes, und las Stellen aus den ethischen und homiletischen Betrachtungen jener großen Philosophen vor, aus welchen sowohl seine Methode, Personen und Ereignisse in der Bibel allegorisch zu deuten, wie auch seine glühende Begeisterung für Gott und die Übung der Tugend in anziehender Weise hervortreten. Die Erben Philos sind der Neuplatonismus, die Kabbala und das Christentum geworden, denn es sei die Schattenseite des jüdischen Hellenismus gewesen, daß es in der eifrigen Pflege des Ideellen, das Substanzielle im Judentum, die Pflege des Religionsgesetzes und vor allem des hebräischen Schrifttums aus dem Auge verlor, wodurch es ohne Zusammenhang mit dem Gesammtjudentum und ohne Wirkung auf dasselbe blieb. Dies sei eine Lehre für unsere Großgemeinden in der Gegenwart. Wir können zwar auf die Idee im Judentum nicht verzichten und wir müssen die Weltstellung unseres Stammes, sowie die freie Bethätigung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens im Auge behalten, aber ebenso dringend ist für uns die Erhaltung unseres Stammes selbst, der der zuverlässige Träger jener Ideen ist, die wir als Gemeingut der Menschheit gleich den alexandrinischen Weisen und Dichtern den Völkern verkünden wollen. — Frau Anna Lozinska hatte sich in Lemberg am 26. Februar wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit zu verantworten, weil sie das elfjährige Judenmädchen Golda Reyßler gewaltsam entführte, um es gegen den Willen seiner Eltern in ein Kloster zu bringen und es daselbst taufen zu lassen. Ans Grund des Verdiktes der Geschworenen wurde die Angeklagte zu 3 Jahren schweren, durch Fasten verschärften Kerkers verurteilt. — Die von Herrn Karl Weiß komponierte Volksoper „Der polnische Jude", zu der die beiden Musikschriftsteller Victor Leon in Wien und Richard Batka in Prag den Text geschrieben, hat die Prager deutsche Bühne bereits viermal mit großem Erfolge überschritten uud dürfte sich auch auf dem Reportoir