Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1901)
- Date
- 1901-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969911--6279-2975639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ursprünglichen Gestalt wenig übrig geblieben und vor allem der gläubige Sinn mit der Zeit geschwunden ist. Dieser Umstand ist es vorzugsweise gewesen, welcher Friedrich Strauß und Ed. v. Hartmann in ihrem hergebrachten Glauben irre werden und nach einer gründlichen Regeneration oder anderweitigem Ersatz suchen ließen. Dem gesetzlichen Judentum ist es aber noch weit schlimmer ergangen. Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch das Leben, das gesellige und wirtschaftliche Leben, haben auflösend und zerstörend auf die Gesetzestreue gewirkt. Auch Bequemlichkeit, Genußsucht, religiöse Gleichgiltigkeit haben das ihrige dazu beigetragen, daß von der jüdischen Gesetzlichkeit kaum noch ein schwacher Rest übrig blieb; abgesehen davon, daß durch die Notwendigkeit der vi8 major, durch die Auflösung des jüdischen Staates, Zerstörung des Tempels, Vertreibung aus dem Lande, zwei Dritteile der Religionsgesetzlichkeit der Juden unanwendbar und unerfüllbar geworden sind. Sollten wir angesichts dieser Thatsachen nicht auch als Endergebnis zu antworten uns gedrungen fühlen: Wir sind keine Juden mehr? . Man kann die Widerlegung sich leicht machen und auf die große Masse der Juden in allen Weltteilen Hinweisen, die allesamt noch als Juden von der strengsten Observanz das Gesetz zu erfüllen und darnach ihr ganzes Leben einzurichten suchen. Eine solche Widerlegung hat schon Hartmann mit den Worten zurückgewiesen: „Als ob das in idealem Sinne von der Geschichte zu den Toten Gelegte nicht doch als reale Existenz darum noch Jahrtausende fortvegetiren könnte, wie der Augenschein es an so vielen Religionsformen uns lehrt." „Als ob nicht jeder wüßte, daß die Masse des Volkes immer um Jahrtausende hinter den eigentlichen Kulturvölkern zurückbleibt, daß die Größe dieser Rückständigkeit mit den Kulturfortschritten wächst ..." Nun sind zwar diese Bemerkungen Hartmanns nicht so ganz mit der Lage unserer Volks- und Glaubensgenossen in Übereinstimmung zu bringen; allein sie enthalten den richtigen Fingerzeig zu einer Diagnose auch für unsere Gebrechen und Gebresten, wie diese so recht offenkundig im Kampfe gegen den Zionismus zutage kommen. Als vor wenigen Jahren der Zionismus in neuer Form und Gestalt sein Haupt erhob und seinen Siegeszug über alle Lande, wo Juden wohnen, antrat, da waren es nicht etwa nur die dem Judentume völlig entfremdeten Assimilanten, welche den Zionismus mit aller Macht bekämpften, sondern auch die als streng gesetzestreu sich dargebende Orthodoxie war es, welche in den Chorus der Gegner kräftig einstimmte, obschon doch gerade eben dieser Zionismus allen ihren religiösen Anschauungen, Bitten und Hoffnungen entgegenzukommen schien. Weshalb? Einer der größten jüdischen, der starren Orthodoxie treu anhänglicher Geldfürst hat den Grund verraten. Um seine Unterstützung für die gute Sache des Zionismus angegangen, soll er geantwortet haben: „Ob die Sache gut oder schlecht, ist mir einerlei; genug, ich will mit den „Poschim" (Abtrünnigen) nichts zu thun haben."